Ex-Frau des Heilers: «Er drohte, mir das Messer in den Bauch zu rammen»
Aktualisiert

Ex-Frau des Heilers«Er drohte, mir das Messer in den Bauch zu rammen»

Im Prozess gegen den «Heiler von Bern» spricht nun dessen Ex-Frau vor Gericht. Unter Tränen berichtete sie von massiven Drohungen – und wie sie mit ihrer Tochter flüchtete.

von
Adrian Müller

Sichtlich aufgelöst sagte am Montagnachmittag die Ex-Frau des Heilers vor Gericht aus. Unter Weinkrämpfen schilderte sie, wie sich X. aus einem liebenswürdigen Menschen in einen «kaltblütigen, aggressiven und bösen Mann» verwandelt hatte. Dies nachdem er im Herbst 2009 mitbekommen hatte, dass sie von seiner Schuld überzeugt war, die 16 Opfer mit HIV infiziert zu haben. «Er drohte, mich an Weihnachten umzubringen. Seinem eiskalten Gesichtsausdruck sah ich an, dass er es ernst meinte. Ich dachte, jetzt tötet er mich», so die Ex-Frau vor Gericht.

Solche Drohungen habe er immer öfter geäussert. Diese seien je länger je konkreter geworden. «Ich werde dir mehrmals mit dem Messer in den Bauch stechen, damit du qualvoll verblutest», habe ihr der Heiler gesagt. Die Androhungen seien umso furchteinflössender gewesen, da X. zahlreiche Messer besass. «Einmal hat er sogar mit seinem Samuraischwert herumgefuchtelt.» Weiter habe er angekündigt, die gemeinsame Tochter nach Italien zu entführen. «Du wirst sie nie mehr sehen», so X. laut der Ex-Frau. Ihr Ex-Mann sei aber völlig unfähig gewesen, die Tochter auch nur einen Tag alleine zu betreuen.

«Er hat jede Infektion geplant»

Schliesslich habe sie ihre Tochter aus Verzweiflung an einen Kongress nach Spanien mitgenommen und sei nie mehr zu ihrem Mann zurückgekehrt. «Ich fühlte mich wie in einem Gefängnis. Da wusste ich – jetzt musst du verschwinden.» Darauf habe sie umgehend eine Notfall-Scheidung eingereicht. Geheiratet hatte die Frau X. im Jahr 2007 - unmittelbar nachdem der Heiler zum ersten Mal in Untersuchungshaft gesessen hatte. Sie liess insgesamt zwei Akupunktur-Behandlungen über sich ergehen. «Er hat mir die Nadeln bis auf die Knochen reingestochen.»

Auf die Frage, ob ihrer Meinung nach von X. weiterhin eine Gefahr ausgehe, bejahte die Ex-Frau vor Gericht. «Er hat jede einzelne HIV-Infektion bis ins Detail geplant und inszeniert - bis zum letzten Stich. Er hat das mindestens 20 Mal gemacht. Es ist unfassbar, wie dies ein Mensch tun kann. Es ist die Hölle auf Erden - er hat das Leben von so vielen Menschen zerstört.»

Der Prozess gegen den «Heiler von Bern» läuft seit einer Woche (siehe Box). Der Angeklagte selbst hat am Montagmorgen vor Gericht ausgesagt und jegliche Vorwürfe von sich gewiesen. Er sieht sich als Opfer einer Verschwörung. Nachzulesen ist das Protokoll der Einvernahme durch Staatsanwalt und Richter hier.

Der Heiler-Prozess

X., Musiklehrer und selbsternannter Heiler, soll 16 Patienten und Schüler mit HIV-verseuchten Nadeln gestochen und so infiziert haben. X. ist der schweren Körperverletzung und Verbreitung menschlicher Krankheiten sowie wegen Drohung, versuchter Nötigung und Tätlichkeiten angeklagt. Nach acht Jahren Untersuchung muss sich der «Heiler von Bern» vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland verantworten. Bis am Montag sass der Angeklagte in einem Nebenzimmer und verfolgte von dort den laufenden Prozess, am Montag trat er zum ersten Mal zur Einvernahme vor den Richter.

Bisher haben jene 13 Opfer vor Gericht ausgesagt, die auch als Privatkläger auftreten, darunter zwei ehemalige Patienten und die Ex-Freundin des Musiklehrers. Die Kläger liessen keine Zweifel aufkommen, dass X. sie während einer vermeintlichen Akupunktur-Behandlung angesteckt hat, die Ex-Freundin erzählte vor Gericht, dass der Angeklagte sie geschlagen, bedroht und mit einem Getränk betäubt habe.

Auch das am vergangenen Donnerstag vorgestellte phylogenetische Gutachten belastet den Heiler schwer: Die Viren der Opfer hätten ganz klar denselben «Stammbaum», sagte Jörg Schüpbach vom Nationalen Zentrum für Retroviren der Universität Zürich vor Gericht. Die Untersuchungen lege den Schluss nahe, dass sich alle 16 Personen aufgrund derselben Quelle infiziert hätten, so der Gutachter.

Am Montagnachmittag hat zudem die Ex-Frau von X. vor Gericht gegen den Angeklagten ausgesagt.

Der Prozess dauert drei Wochen, das Urteil soll am 22. oder 23. März verkündet werden.

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