Amok bei LA: Programmierer entriss Schützen (72) die Waffe

Publiziert

 Los AngelesEr entriss Amokschütze die Waffe – der 26-Jährige handelte «aus Urinstinkt»

Nach dem Schusswaffenangriff mit zehn Toten in einem Tanzlokal bei Los Angeles wird Brandon Tsay als Held gefeiert, der noch Schlimmeres verhindert hat. 

von
Ann Guenter
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Trauriger Auftakt zum chinesischen Neujahrsfest: In Monterey Park im Süden Kaliforniens erschoss … 

Trauriger Auftakt zum chinesischen Neujahrsfest: In Monterey Park im Süden Kaliforniens erschoss … 

REUTERS
… Huu Can Tran (72) zehn Menschen in einem Tanzlokal. Er fuhr anschliessend weiter nach Alhambra ins «Lai Lai». 

… Huu Can Tran (72) zehn Menschen in einem Tanzlokal. Er fuhr anschliessend weiter nach Alhambra ins «Lai Lai». 

Los Angeles County Sheriff's Department
Brandon Tsay (26) half aus, als der Schütze gegen 22.35 Uhr den Familienbetrieb betrat. 

Brandon Tsay (26) half aus, als der Schütze gegen 22.35 Uhr den Familienbetrieb betrat. 

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Darum gehts

  • Ein 26-jähriger Computerprogrammierer hat verhindert, dass es beim Amoklauf mit zehn Toten im US-Bundesstaat Kalifornien zu Schlimmerem kam. 

  • Brandon Tsay konnte dem 72-jährigen Schützen die Waffe entreissen, als dieser nach seiner Tat auch das Tanzlokal von Tsays Familie aufsuchte. 

  • «Er war auf der Suche nach Menschen», erinnert sich Tsay, nachdem er den Mann verjagt hatte. 

  • Huu Can Tran richtete sich später in einem Lieferwagen selbst, als Beamte sich seinem Wagen näherten.  

Nach dem Schusswaffenangriff mit zehn Toten in einem Tanzlokal nahe Los Angeles ist bekannt geworden, dass ein 26-jähriger Computerprogrammierer dem 72-jährigen Schützen die Waffe entrissen und so wohl eine noch grössere Tragödie verhindert hatte.  

Brandon Tsay, der wegen der Feierlichkeiten zum chinesischen Neujahrsfest im familiengeführten Lokal «Lai Lai» in Alhambra aushalf, war im Büro neben der Lobby, als Huu Can Tran gegen 22.35 Uhr eintrat. «Er sah mich an und schaute sich um, ohne zu verbergen, dass er Böses vorhatte. Seine Augen waren bedrohlich», erinnert sich Tsay. Dass der 72-Jährige kurz zuvor bereits in einem anderen Ballsaal in Monterey Park das Feuer eröffnet und zehn Menschen getötet hatte, wusste Tsay damals nicht. 

«Huu Can Tran war auf der Suche nach Menschen»

Er habe die Waffe des Mannes sofort bemerkt. Und obwohl er noch nie eine echte Waffe gesehen habe, habe er gewusst, dass dieser damit «keinen Raubüberfall» geplant, sondern «maximalen Schaden» habe anrichten wollen: «Seine Körpersprache, sein Gesichtsausdruck und seine Augen verrieten, dass er auf der Suche nach Menschen war», so Tsay.

«Mein Herz sank, ich wusste, dass ich sterben würde», erinnert sich Tsay an den Moment, als er sich «aus einem Urinstinkt» auf den Mann gestürzt und die Waffe am Lauf gepackt und mit dem Bewaffneten zu ringen begonnen habe. 

Sie rangen eineinhalb Minuten

Sie kämpften etwa anderthalb Minuten lang um die Kontrolle über die Waffe – der 26-Jährige gibt an, dass ihn  die Stärke des 72-Jährigen überrascht habe. Der Bewaffnete sei immer wieder auf ihren Bruder losgegangen, «er wollte die Waffe unbedingt zurück», so Tsays Schwester Brenda. 

Dann, als der Griff von Huu Can Tran eine Sekunde lang schwächelte, gelang es Tsay, ihm die Waffe ganz zu entreissen und gegen ihn zu richten: «Los, verschwinde von hier!», habe er ihn angebrüllt.

Fünf Männer und fünf Frauen

Nach stundenlanger Fahndung fand die Polizei Huu Can Tran in einem Lieferwagen in der Stadt Torrance. Er richtete sich selbst, als die Beamten sich seinem Wagen näherten.  

Die Behörden lobten Tsays Einsatz als heldenhaft. «Es hätte viel schlimmer sein können», sagte Sheriff Robert Luna von Los Angeles County. Der mutige Programmierer selbst sagt, dass er noch nicht ganz in der Lage gewesen sei, das Erlebte zu verarbeiten.

Nach Angaben der Polizei erschoss Huu Can Tran fünf Männer und fünf Frauen, die meisten von ihnen waren zwischen 50 und 60 Jahre alt. Zehn weitere Menschen wurden verletzt. Das Motiv für den Angriff ist noch nicht klar.

Nationale Trauerbeflaggung

Die Feierlichkeiten zum Neujahrsfest in Monterey Park zählen zu den grössten in der Region. Zehntausende Menschen hatten sich dort am Samstag versammelt, unter ihnen auch die demokratische Abgeordnete Judy Chu. Die frühere Bürgermeisterin der Stadt äusserte sich auf Twitter erschüttert über die Gewalttat und bekundete den Familien der Opfer ihr Beileid. 

US-Präsident Joe Biden verurteilte den «sinnlosen Angriff» und ordnete Trauerbeflaggung an. Bis Donnerstag werden die Flaggen auf öffentlichen Gebäuden auf halbmast gesetzt.

Good to know

REUTERS

Mehr Waffen als Einwohner in den USA

Waffengewalt ist ein grosses Problem in den USA, wo es mehr Waffen als Einwohner gibt: Jeder dritte Erwachsene besitzt mindestens eine Waffe und fast jeder zweite Erwachsene lebt in einem Haushalt, in dem eine Waffe vorhanden ist.

Nach Angaben der Website Gun Violence Archive wurden im vergangenen Jahr in den USA mehr als 44’000 Menschen durch Schusswaffen getötet. Bei mehr als der Hälfte der Fälle handelte es sich um Suizide. 

Das Waffenrecht gehört zu den strittigsten Themen in den USA. Während die Demokraten von Präsident Biden in der Regel für striktere Waffengesetze eintreten, halten die oppositionellen Republikaner dagegen. Sie pochen auf das in der US-Verfassung festgeschriebene Grundrecht auf Waffenbesitz. (AFP)

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