Pädo-Opfer: «Er fasste mir in die Hose»
Aktualisiert

Pädo-Opfer«Er fasste mir in die Hose»

Ein 47-jähriger Mann soll dutzende Jugendliche sexuell belästigt oder sich an ihnen vergangen haben. Dafür steht der Berner vor Gericht. Nun spricht eines seiner Opfer.

von
Sonja Mühlemann
Das Opfer des mutmasslichen Sextäters hat das Erlebte auch zwei Jahre nach der Tat noch nicht verarbeitet.

Das Opfer des mutmasslichen Sextäters hat das Erlebte auch zwei Jahre nach der Tat noch nicht verarbeitet.

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, «süchtig nach pubertierenden Körpern» zu sein. Der 47-Jährige soll 22 Jungen im Alter zwischen 14 und 15 Jahren in Chats oder über gemeinsame Bekannte kennengelernt und mit Drogen und Alkohol gefügig gemacht haben. Zu den Opfern gehört auch der heute 17-jährige Philip*. Wir nennen ihn so, weil er anonym bleiben möchte.

Philip möchte eigentlich vor Gericht mitverfolgen, wie seinem Peiniger der Prozess gemacht wird - doch dies ist ihm nicht möglich. Zu schlecht geht es ihm psychisch, als dass er dem Täter gegenübertreten könnte. 20 Minuten hat Philip getroffen.

Trotz der psychischen Belastung wendest du dich mit deiner Geschichte an 20 Minuten - weshalb?

Philip: Ich will, dass die Menschen erfahren, dass man Sextäter mit Samthandschuhen anpackt - während wir Opfer jahrelang leiden. Vor Gericht kann ich nicht aussagen, weil der Täter dann wieder die Macht über mich hat - ich müsste vor Fremden erzählen, wie er sich an mir verging.

Was kritisierst du am Umgang mit Sextätern?

In meinem Fall ist der Täter seit seiner Verhaftung im vorgezogenen Strafvollzug. In den Gerichtsunterlagen konnte ich lesen, dass er dort eine Therapie macht, etwa malt. In der Schweiz werden Sexualstraftäter viel zu gut behandelt. Ich habe eine riesige Wut, weil der Täter behauptet, er sei mir gegenüber nicht gewalttätig gewesen - er lügt. Ich finde, er gehört weggesperrt. In wenigen Jahren kommt er frei - ich werde mein Leben lang an das Erlebte denken.

Eine Expertin attestiert dem Täter zudem eine pädosexuelle Neigung...

...Genau, der Täter sagt, er habe nicht gewusst, dass ich erst 15 Jahre alt war. Das stimmt nicht, wir haben uns über einen gemeinsamen Bekannten kennengelernt. Dann hat er mich im Winter 2011 in einen Club geschleust, weil ich noch zu jung war, um eingelassen zu werden. Er hat mir Alkohol gekauft und mich abgefüllt. Schliesslich war ich so weggetreten, dass ich ihn bat, mich nach Hause zu fahren. Im Auto verriegelte er die Türen, ich konnte nicht flüchten. Dann machte er Sachen mit mir, die ich nicht wollte - er fasste mir in die Hose, berührte mich am ganzen Körper und zwang mich zu verschiedenen sexuellen Handlungen.

Wie hast du das Erlebte verarbeitet?

Zuerst habe ich mit niemandem darüber gesprochen, ich schämte mich dermassen. Dann habe ich angefangen mit meiner Freundin zu reden, mit Kollegen, meiner Familie und Lehrern. Für ihre Unterstützung möchte ich mich herzlich bedanken. Ich habe auch eine Psychotherapie besucht, das hat mir persönlich aber weniger gebracht.

Und wie geht es dir heute?

Es braucht nur wenig, damit mir alles wieder hochkommt. Etwa wenn ich an jemandem vorbeigehen, der dasselbe Parfüm benutzt wie der Täter. Ich kann dann manchmal nächtelang nicht gut schlafen oder kaum etwas essen. Ich hoffe, dass der Mann verwahrt wird – das würde mir Ruhe geben. Ich hätte Gewissheit, dass er niemandem mehr wehtun kann. Die Politiker müssen aufwachen, was die Bestrafung von Sextätern angeht.

Im Prozess um den mutmasslich pädophilen 47-Jährigen hat die Staatsanwaltschaft heute vor Gericht eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren beantragt. Der Mann soll aber nicht in Haft, sondern in einem geschlossenen Rahmen therapiert werden. Der Täter sei psychisch schwer gestört und die Rückfallgefahr laut dem psychiatrischen Gutachten hoch.

Der Verteidiger des Mannes will 14 Monate und eine ambulante Therapie. Das Urteil soll am Freitag folgen.

*Name der Redaktion bekannt.

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