Drama am Berg: Er gab den Everest auf, um ein Leben zu retten
Aktualisiert

Drama am BergEr gab den Everest auf, um ein Leben zu retten

Monatelang hatte er sich darauf vorbereitet, jetzt war der Gipfel zum Greifen nah – bei idealen Wetterverhältnissen. Doch dann musste der Bergsteiger seinen Traum aufgeben.

von
kmo
Selbstlos gab er seinen Traum auf: Rupert Hauer (2009 auf dem nepalesischen Dhaulagiri-Gipfel)

Selbstlos gab er seinen Traum auf: Rupert Hauer (2009 auf dem nepalesischen Dhaulagiri-Gipfel)

Es war ein Uhr früh, als der Österreicher Rupert Hauer am 19. Mai 2013 vom letzten Lager vor dem Gipfel des Mount Everest auf 8300 Metern Höhe aufbrach. Zwei Stunden zuvor war die Amical-Gruppe von derselben Stelle aus gestartet.

Hauer war allein unterwegs, ohne Sauerstoff und ohne Sherpa. Und er kam gut voran. Auf rund 8700 Metern begegnete er den Mitgliedern der Amical-Gruppe, die bereits wieder auf dem Rückweg vom Gipfel waren. Sie erzählten ihm, dass einer von ihnen erblindet war und nur mit viel Mühe absteigen konnte.

Ein Greis steht auf dem Everest

Kurz darauf traf Hauer tatsächlich auf den verletzten Amerikaner und seinen Sherpa. Die beiden waren völlig erschöpft, und der Österreicher bezweifelte, dass sie den Abstieg ohne Hilfe schaffen würden. Er musste sich entscheiden: Sollte er die letzten paar Meter auf den Gipfel in Angriff nehmen, oder sollte er mit den beiden umkehren – und auf das verzichten, worum sich die vergangenen Monate alles in seinem Leben gedreht hatte: die Besteigung des Mount Everest?

Hauer zögerte keine Sekunde. Er hatte während des Aufstiegs bereits vier Leichen gesehen, das sei Mahnung genug, schreibt er später auf seiner Homepage. Zusammen mit dem Sherpa brachte er den Amerikaner in sichere Höhen. Die extrem anstrengende Rettungsaktion ging nicht spurlos an Hauer vorbei, er bekam ebenfalls Probleme mit seinen Augen und hatte Erfrierungen an der Nase. Deshalb setzte er den Abstieg fort und baute erst auf 7000 Metern Höhe sein Zelt auf – um 23 Uhr in völliger Dunkelheit.

Das Basislager hat Hauer am nächsten Tag erreicht, von wo aus er in seinem Blog die Geschehnisse festhielt. Mittlerweile ist der Österreicher wieder in Salzburg. Seine Nase heile gut, sagte er der Zeitung «Nachrichten.at», «doch sie wird wohl ein wenig kleiner werden».

«Das Wetter hätte gepasst für eine erfolgreiche Gipfelbesteigung», schreibt Hauer am Schluss seines Berichts, «aber ein Menschenleben ist wichtiger.» Diese Worte zeigen, wie schwer es dem Österreicher fiel, seinen grossen Traum aufzugeben. Und trotzdem spürt man, dass er seinen Entscheid keine Sekunde bedauert.

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