Aktualisiert 15.07.2019 13:43

Schwanger und allein«Er ging in den Kampf statt zu seinem Baby»

Vor drei Jahren kam Yara* aus Syrien in die Schweiz – ihr Mann blieb zurück. Ihre Tochter wäre auf der Flucht beinahe gestorben.

von
Zora Schaad

«Nachts holen mich die Bilder ein, das Wasser, die Schreie. Die Bomben. Überall Blut und tote Menschen.» (Video: Murat Temel / Zora Schaad)

Als Yara* den Anruf beendete, war ihr klar – nun ist sie endgültig allein auf ihrem Weg nach Europa in ein hoffentlich besseres Leben. Soeben hatte sie ihrem Mann mitgeteilt, dass sie schwanger ist, dass er in ein paar Monaten Vater werde. «Er wollte trotzdem nicht zu mir in die Türkei kommen. Er sagte, lieber sterbe er im Kampf gegen den IS, als Syrien, seine Heimat, zu verlassen.» Yara war traurig, aber auch entschlossen: «Er will mich nicht und mein Kind will er auch nicht. Also muss ich das selbst schaffen. Nie mehr habe ich ihn angerufen.»

«Ich habe auf der Strasse geschlafen»

Einige Zeit zuvor floh Yara vor dem Krieg aus Syrien. Komplett erschöpft kam sie nach einem sechsstündigen Fussmarsch über die Grenze und einer sechzehnstündigen Busfahrt in der türkischen Küstenstadt Izmir an. «Kaum aus dem Bus ausgestiegen, habe ich mich draussen irgendwo schlafen gelegt. Ich war sehr müde. Ständig musste ich erbrechen.» Fremde Leute hätten ihr geholfen, sie von der Strasse geholt und ein Zimmer vermittelt. Yaras Erschöpfung liess nicht nach. «Schliesslich bin ich zum Arzt gegangen. Er hat gesagt, ich sei schwanger.» Auch wenn der Moment unglücklich war – dass sie ihr Kind behalte, sei nie zur Debatte gestanden. Abtreiben sei in ihrer Kultur nicht erlaubt.

Nachts ist der Krieg wieder da

Drei Jahre später treffen wir Yara und Sina* in ihrer Wohnung in Winterthur. Eine einfache Wohnung, spärlich möbliert. Die 29-Jährige blickt ihr Gegenüber mit festem Blick an. Auf ihrem Schoss windet sich Sina. Die Dreijährige will spielen. Sie hat keine Erinnerung an ihr Heimatland und die schwierige Flucht. Ihren Vater hat sie noch nie gesehen. Yara dagegen lassen die Geschehnisse nicht los.

«Nachts holen mich die Bilder ein, das Wasser, die Schreie. Die Bomben. Überall Blut und tote Menschen.» Um ihr Trauma zu verarbeiten, geht Yara in eine Psychotherapie. Sie denkt nicht gerne zurück – weder an den Krieg in Syrien noch an die die Überfahrt nach Griechenland und das Flüchtlingslager, in dem ihre kleine Tochter Sina beinahe starb. Weil sie nicht will, dass der Krieg in Vergessenheit gerät und weil immer noch viele Menschen über das Meer nach Europa fliehen, spricht Yara trotzdem darüber.

«Erschossen, weil sie kein Kopftuch trug»

2014

Als immer mehr Bomben auf Aleppo niedergingen, verliess Yara mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern ihre Heimatstadt. In Afrin, einer mehrheitlich kurdisch besiedelten Stadt an der türkischen Grenze, lebte sie mit anderen Flüchtlingen in einer Schule. «Es hat an allem gefehlt, an Essen, Wasser, Strom», erinnert sie sich. Weil sie als Frau allein kaum durchkam, gab sie den Wünschen ihrer Verwandten nach und heiratete einen Nachbar ihrer Grossmutter. Liebe war nicht im Spiel, die Ehe unglücklich. Doch neben den existentiellen Sorgen und der Angst vor dem IS rückten die Paarprobleme in den Hintergrund.

Die IS-Kämpfer hätten die Zivilbevölkerung terrorisiert, erzählt Yara. «Einmal musste ich mitansehen, wie eine Frau erschossen wurde, weil sie ohne Kopftuch vor das Haus trat, um die Aussentoilette aufzusuchen. Wir sind Kurden, wir verschleiern uns eigentlich nicht. Aber der IS zwang uns dazu.» 2015 sei die Situation unerträglich geworden. «Ich hatte 24 Stunden Angst, vor Flugzeugen, vor Panzern. Ich entschloss mich, in die Türkei zu fliehen. Mein Mann blieb zurück, um seine Heimat gegen den IS zu verteidigen.» Was sie noch nicht wusste: Yara war schwanger.

«Das Boot hatte überall Löcher»

2015

Das Leben in der Türkei war für die allein stehende, mittellose Schwangere ein Kampf. Sie erledigte kleine Näharbeiten und konnte eine feuchte Kammer mieten. Schliesslich kam Sina auf die Welt. «Als die Kleine zwei Monate alt war, wusste ich, dass ich die Türkei verlassen musste. Sina konnte kaum atmen in diesem Zimmer, sie war immer krank. Ausserdem hatte ich keinen richtigen Job.» Yara fand einen Schlepper, der die beiden für 500 Dollar nach Griechenland bringen wollte.

«Um 1 Uhr in der Nacht brachte uns der Schlepper ans Meer. Dort mussten wir 24 Stunden warten. Wir mussten leise sein, sie haben uns gewarnt vor der türkischen Polizei. Wir waren 29 Kinder und 9 Erwachsene. Das Boot war sehr klein. Ein 19-Jähriger musste steuern, aber er wusste nicht, wie das geht. Viele Kinder weinten. Wir hatten alle Angst, aber wir mussten gehen, wir hatten bezahlt.

Zuerst fuhren wir einen Fluss entlang. Das Boot hatte überall Löcher. Wir konnten damit nicht auf das offene Meer. Alle haben geschrien, dass wir sterben werden. Der Schlepper sagte, dass uns nichts passieren würde. Bei einem Fischerhaus mussten wir warten, zusammengepfercht in einem winzigen Raum. Der Schlepper flickte das Boot, während uns ein Mann mit einer Pistole bedrohte und uns anschnauzte, ruhig zu sein. Meine Tochter Sina war sehr klein, erst zwei Monate alt. Sie weinte, ich stillte sie, damit sie ruhig ist. Sie weinte die ganze Zeit. Ich hatte solche Angst. Irgendwann konnte ich sie nicht mehr stillen, mein Körper war verkrampft vor Angst. Wir mussten in das Boot steigen. Der junge Mann, der steuern musste, hat geweint. Der Schlepper verpasste unserem Boot einen Fusstritt und wir trieben alleine in das offene Meer.»

Baby Sina weinte blutige Tränen

2016

Nach der dramatischen Überfahrt lebten Yara und Sina in Zelten in verschiedenen Flüchtlingscamps in Griechenland. «Im Lager war es schlimm. Für ein Stück Brot mussten wir drei Stunden warten. Wenn es regnete, war das ganze Zelt nass, die Matratze, alles.» Sina, die schon vor der Abreise mit Atemwegsproblemen kämpfte, wurde im Lager richtig krank. «Sie hatte hohes Fieber, konnte nicht gut atmen und ihre Augen waren entzündet. Wenn diese Frau aus der Schweiz nicht gekommen wäre, wäre mein Baby gestorben.»

Die Frau stellte sich als die ehemalige SP-Nationalrätin Chantal Galladé heraus, die im Flüchtlingslager einen humanitären Einsatz leistete. «Sina fieberte und war völlig dehydriert. Sie hatte stark entzündete Augen, ihre Tränen waren blutig. So etwas habe ich noch nie gesehen», erinnert sich die Politikerin. Galladé und andere Helfer sorgten dafür, dass die Kleine ins Spital kam, Infusionen und Medikamente erhielt. Chantal Galladé unterstütze Yara dabei, für sie und ihre krankes Kind in der Schweiz Asyl zu beantragen. Am 18. Oktober 2016 flogen die beiden in die Schweiz.

«Nur für meine Tochter habe ich gekämpft»

2019

Bis heute sind die Frauen eng verbunden: «Unsere Töchter sind genau gleich alt, besuchen zusammen die Kita. Wir feiern Weihnachten miteinander und ich helfe ihr, wo ich kann», sagt Chantal Galladé.

Yara gilt in der Schweiz zwar nur als vorläufig aufgenommen – sie selbst fühlt sich hier aber total angekommen. «Die Schweiz ist ein sehr gutes Land, ein demokratisches Land… nicht wie mein Heimatland. Ich möchte nie mehr zurück.»

Während Sina in die Kinderkrippe geht, besucht Yara einen Deutschkurs und lernt fleissig die Sprache. Sie träumt davon, eines Tages zu arbeiten oder eine Ausbildung nachzuholen. «Wir leben sehr gut», sagt Yara. Dass ihr monatlich nach Abzug der Miete nur 800 Franken bleiben und sie so knapp kalkulieren muss, dass sogar ein Geburtstagsfestli für die Tochter ein zu hoher Kostenpunkt darstellt, verschweigt sie. «Ich habe das alles für meine Kleine gemacht. Nur für sie habe ich gekämpft. Sina soll ein besseres Leben haben als ich.»

* Name von der Redaktion geändert

Yaras Geschichte im Video:

«Er ging in den Kampf statt zu seinem Baby»

«Nachts holen mich die Bilder ein, das Wasser, die Schreie. Die Bomben. Überall Blut und tote Menschen.» (Video: Murat Temel / Zora Schaad)

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