Aktualisiert 01.02.2016 19:46

Suizid von Benoît Violier

«Er hat den Druck nicht mehr ausgehalten»

Benoît Violier, Chef im Hôtel de Ville in Crissier VD, hat sich 44-jährig das Leben genommen. Kollegen sind schockiert. Kritik äussern sie an der Erwartungshaltung an Sterneköche.

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Spitzenkoch Benoît Violier nahm sich im vergangenen Jahr das Leben.

Spitzenkoch Benoît Violier nahm sich im vergangenen Jahr das Leben.

Keystone/AP
Benoît Violier (l.) mit seiner Frau Brigitte und Jacky Donatz.

Benoît Violier (l.) mit seiner Frau Brigitte und Jacky Donatz.

ZVG
Benoît Violier in seiner Küche im Hotel de Ville in Crissier.

Benoît Violier in seiner Küche im Hotel de Ville in Crissier.

Keystone/Laurent Gillieron

Benoît Violier hatte den Olymp der Spitzenköche längst erreicht: Er war vom Restaurantführer «Gault Millau» mit 19 von 20 Punkten ausgezeichnet und zum «Koch des Jahres 2013» gekrönt worden, «Guide Michelin» verlieh seinem Restaurant drei Sterne. Und im Dezember erhielt das Hôtel de Ville in Crissier VD zudem die Bewertung «Bestes Restaurant der Welt».

Entsprechend schockiert über seinen Suizid am Sonntag zeigte sich die gesamte Gastro-Szene, zumal er einen Tag vor der Präsentation des «Guide Michelin 2016» geschah. Was also veranlasste diesen Star unter den Köchen, Suizid zu begehen? Spitzenkoch Jacky Donatz kannte Violier gut: «Für mich ist klar: Er hat den Druck nicht mehr ausgehalten.»

«Fluch und Segen zugleich»

Der Tod von Violier habe ihn «irrsinnig» getroffen. Der Druck in dieser Liga sei enorm. «Wenn man der beste Koch der Welt ist, muss man 24 Stunden am Tag präsent sein.» Violier sei ein sensibler Typ und ein Perfektionist gewesen, bei dem lange Arbeitstage bis spätnachts an der Tagesordnung waren.

Ein anderer bekannter Schweizer Spitzenkoch, Ivo Adam, zeigt sich ebenfalls tief betroffen vom Tod des Berufskollegen. «Das gibt einem enorm zu denken.» Er frage sich, was für ein Druck auf Violier gelastet haben müsse. Die vielen Auszeichnungen seien sowohl Fluch und Segen zugleich. «Einerseits ist es eine grosse Ehre, andererseits kann man damit nur verlieren. Jeden Tag eine perfekte Leistung abliefern zu wollen, kann enorm belastend sein.»

Suizide nach Abwertungen

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Spitzenkoch freiwillig aus dem Leben tritt. 2003 verlor der französische Spitzenkoch Bernard Loiseau zwei «Gault Millau»-Punkte und nahm sich danach das Leben. Und Ivo Adam erinnert an den Fall des Kochs des Basler Restaurants Matisse. Dieser erwartete, 2011 von «Gault Millau» 16 Punkte zu erhalten – erntete aber «nur» deren 14. Am selben Tag beging er Selbstmord. Ivo Adam ist die Punkte- und Sterne-Fixierung einiger Köche ein Dorn im Auge: «Das ist doch Wahnsinn!»

Nur: Benoît Violier verlor 2016 gar keine Sterne – eine Abwertung von «Michelin» stand also nicht im Raum. Ivo Adam sagt: «Ich weiss nicht, was bei Violier dazu geführt hat, Alkohol, Drogen oder Geldprobleme waren sicher nicht im Spiel: Wer auf einem so hohen Niveau wie er kocht, kann sich das nicht leisten.»

«Niemand will Schwächen zeigen»

Adam und Donatz erinnern daran, dass in der Gilde der Sterneköche jeder auf sich selbst gestellt sei – über Probleme werde nicht gesprochen. Donatz: «Irgendwann kommts zum Knall. Aber es liegt bei jedem selbst, darauf zu achten, dass man daran nicht kaputtgeht.» Adam: «Probleme sind ein Tabuthema. Das wird sich auch nicht ändern, das ist einfach so, niemand will gegen aussen Schwächen zeigen.»

Spitzenkoch Adam brachte der Tod von Benoît Violier zum Nachdenken. Es sei ihm wieder bewusst geworden, was die wirklich wichtigen Dinge im Leben seien. «Es sind nicht die Sterne und Punkte, sondern dass ich eine Familie habe und Freude am Beruf und an meiner Arbeit. Ich koche für meine Gäste, und ihre Zufriedenheit ist mein einziges Ziel – nicht ein Stern oder Punkte in Restaurantführern.»

Brotlose Kunst?

Brotlose Kunst?

Auch wenn Spitzenköche wie Stars gefeiert werden: Restaurants der obersten Klasse kämpfen ums Überleben. Philippe Rochat, der an einem Velounfall verstorbene Vorgänger von Violier, machte vor einigen Jahren in der «Bilanz» die Rechnung: An einem Menu samt Weinbegleitung für 479 Franken erzielte er einen Gewinn von 28 Franken. Der Rest ging in die teuren Produkte, Personalaufwand, Gemeinkosten und Abgaben. Für die Spitzengastronomie enorm wichtig ist deshalb der Wein: Er wird zum Mehrfachen des Einkaufpreises verkauft.

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