«Er hat gezielt geschossen»
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«Er hat gezielt geschossen»

Ein Augenzeuge des tragischen Todes eines Lazio-Fans, der gestern in Italien von einem Polizisten erschossen wurde, beschuldigt den Polizisten schwer: Dieser habe gezielt geschossen. Weiter stehen vier Randalierer, die gestern in Rom festgenommen wurden, unter Terrorismus-Verdacht. Die Regierung hat zudem ein Reiseverbot für gewaltbereite Fans verhängt.

Die italienische Zeitung «La Repubblica» zitiert auf ihrer Internetseite einen Augenzeugen des Vorfalls: Der Polizist habe «die Pistole mit beiden Händen umfasst, die Arme ausgestreckt und gezielt geschossen.»

Der 26 Jahre alte Lazio-Rom-Fan Gabriele Sandri war von einer Kugel im Nacken getroffen worden, als er im Auto sass. Er war mit seinem Bruder und Freunden zum Auswärtsspiel seiner Mannschaft bei Inter Mailand unterwegs. Auf einer Raststätte bei Arezzo in der Toskana kam es dann zu dem folgenschweren Streit mit Fans von Juventus Turin.

Der Verkehrspolizist wird in Zeitungen zum Hergang des Unglücks widersprüchlich zitiert. «Ich befand mich mehr als 200 Meter von den Ultras entfernt und habe einmal in die Luft geschossen. Der zweite Schuss ging los, als ich auf die Ultras zu rannte», hiess es im «Corriere della Sera». Und: «Ich habe zwei Familien zerstört, jene des Opfers und meine eigene. Gegenüber «Il Giornale» beteuerte der Ordnungshüter seine Unschuld: «Ich bin sicher, dass ich nur zur Warnung in die Luft gefeuert habe. Ich weiss, was ich getan habe. Ich kann ihn nicht getroffen haben.» Gemäss bisherigen Ermittlungen wurde der Tifoso von einer durch die Heckscheibe seines Autos eingedrungenen Kugel getroffen.

Gegen den Polizisten, aus dessen Waffe die tödlichen Schüsse fielen, wurden am Montag Ermittlungen wegen Totschlags eingeleitet.

Nach dem Unglück war es vor allem in Rom zu Gewalttätigkeiten gekommen. Unter anderem griffen 400 der Szene von Lazio und der AS Roma zugeordnete Hooligans eine Polizeikaserne im Zentrum der Stadt an. Nach Angaben der Polizei wurden dabei 40 Beamte verletzt. Besorgniserregend sei der Zustand eines Polizisten, der von einer Eisenstange getroffen wurde.

Terrorismus-Verdacht

Vier Randalierer, die nach dem Angriff auf die Kaserne und den Sitz des Nationalen Olympischen Komitees CONI festgenommen wurden, stehen unter Terrorismus-Verdacht. Nach Informationen aus Justizkreisen soll die Gewaltwelle einen «politischen Hintergrund» haben. Anfang Februar dieses Jahres war anlässlich des sizilianischen Derbys zwischen Catania und Palermo ein Polizist getötet worden. Ein 17-jähriger Hooligan wurde damals unter dringendem Tatverdacht festgenommen und der gesamte Spielbetrieb ausgesetzt worden.

Die Regierung sagt den militanten Fans den Kampf an

Einen Tag nach den wüsten Szenen in vielen Städten des Landes begann für Politik, Fussball-Verband und Liga die Suche nach den geeigneten Mitteln, um die Gewalt rund um den Calcio einzudämmen. Als erste Massnahme wurde ein Reiseverbot für alle Tifosi verhängt, die in Gruppen zu Auswärtsspielen fahren wollen. Sportministerin Giovanna Melandri forderte einen Unterbruch der Serie A von mehreren Wochen. Wegen der EM-Qualifikation ruht der Spielbetrieb der höchsten Liga am kommenden Wochenende ohnehin; die Partien der Serie B wurden abgesagt. Melandri: «Man muss über die verheerenden Folgen dieser Gewaltwellen nachdenken. Ich erwarte, dass die Fussball-Führung ein starkes Zeichen setzt.»

«Unser erster Gedanke gilt allerdings der Familie des Opfers», erklärte Verbandspräsident Giancarlo Abete: «Es war ein weiterer trauriger und schmerzhafter Tag für Italiens Fussball.» Von einem «Albtraum» sprachen italienische Medien. «Das Land steht vor einem nationalen Notstand. Die unglaublichen Szenen des Angriffes auf die Polizeikasernen bezeugen dies. Italien befindet sich im Griff der Hooligans», schrieb die «Gazzetta dello Sport».

Innenminister Giuliano Amato kündigte inzwischen eine «tiefgründige Ermittlung» des Vorfalls um den 28-jährigen Lazio- Fans an, der auf einer Autobahnraststätte in der Nähe von Arezzo in der Toskana in seinem Auto durch die Kugel aus der Dienstwaffe eines Polizisten getötet worden war. Die Justiz nahm am Montag Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung gegen den 32-jährigen Polizisten auf.

Quelle: AP/SI/SDA/kub

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