Ex-Freundin von X.: «Er hat mich geschlagen und bedroht»
Aktualisiert

Ex-Freundin von X.«Er hat mich geschlagen und bedroht»

Drei Opfer haben heute vor Gericht gegen den «Heiler von Bern» ausgesagt. Darunter sind zwei ehemalige Patienten und Olivia M.*, die Ex-Freundin des Musiklehrers. Auch sie wurde mit HIV infiziert.

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am/dwi

Die Schilderungen der «Heiler»-Opfer schockieren: So soll der Musiklehrer X.*, der 16 Menschen mit HIV-verseuchten Nadeln gestochen und infiziert haben soll (siehe Box), zwei ehemalige Patienten während einer Akupunktur-Behandlung kaltblütig angesteckt und seine Ex-Freundin mit einem Drink betäubt haben. Die Aussagen der drei Opfer, die am ersten Prozesstag gegen den selbsternannten Heiler ausgesagt haben, belasten X. schwer.

Olivia M.*, Ex-Freundin und ehemalige Schülerin

M. lernte den Heiler in seiner Musikschule kennen und kam später mit ihm zusammen. Nachdem die Beziehung jedoch 1997 in die Brüche ging, herrschte jahrelang Funkstille. Nach fünf Jahren habe X. sie unvermittelt angerufen, erzählte M. vor Gericht. «Er verlangte eine Aussprache über das Ende der Beziehung. Ich hatte Angst, denn früher hat er mich mehrmals geschlagen und mir mit dem Tod gedroht.»

Dennoch verabredete sich M. mit ihrem Ex-Freund in dessen Wohnung. «Ich fürchtete, dass er mich quälen würde, wenn ich die Einladung nicht annehme», so M. Nach einer charmanten Begrüssung habe sie in der Küche zwei Longdrink-Gläser mit einer grünen Flüssigkeit gesehen. Als sie nachfragte, was das sei, habe er gereizt gesagt: «Hast du Angst, dass ich dich vergiften will?» Dann habe er ihr sein Glas angeboten, doch M. beliess es dabei und trank ihren Drink.

Stunden später wachte sie total benommen auf seinem Sofa auf und hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Monate später dann der Schock: Ein HIV-Test fiel positiv aus. Das Opfer suchte nach Erklärungen. «Das hat mich fast in den Wahnsinn getrieben.» Ein Arzt im Inselspital habe sie darauf aufmerksam gemacht, dass gegen den Musiklehrer X. ermittelt werde. Doch M. kann sich an nichts erinnern. «Ich habe nach wie vor keine schlüssige Erklärung, wie ich mich angesteckt habe.»

Blum*, langjährige Patientin

Das Heiler-Opfer Blum pflegte jahrelang ein enges Verhältnis zu X. «Ich besuchte ihn, wenn es mir schlecht ging. Mit ihm konnte ich immer reden», so Blum. Daraus sei eine grosse Abhängigkeit entstanden. Mit leiser Stimme beschrieb sie den Heiler vor Gericht als «machtsüchtig, aggressiv und besitzergreifend». Er habe sie vor allem 2005 stark unter Druck gesetzt, als die ersten Anzeigen gegen ihn eingereicht worden seien.

Die Ansteckungs-Tat beschrieb Blum als eine Art «Impfung», die ihr X. während einer Akupunktursitzung verpasste. «Er sagte, er wolle mein drittes Auge öffnen», so Blum. Ursprünglich hatte sich das Opfer vom Heiler mit Getränken wegen gesundheitlicher Beschwerden heilen lassen. Später habe X. zu ihr gesagt, dass er es ihrem Äusseren ansehe, dass sie HIV-positiv sei und ihr gleich darauf die zuständigen Spezialisten im Inselspital genannt.

Dort bestätigte sich die Ansteckung. Blum verdächtigte den Heiler jedoch nicht - bis Ende 2007 hielt die Patientin den Kontakt zu X. Erst als sie 2008 wegen einer Lungenentzünduung auf der Intensivstation mit dem Tod rang, seien ihr die Augen aufgegangen. «Ich bin heute zu hundert Prozent sicher, dass X. mich damals mit HIV angesteckt hat», sagte das Opfer mit überzeugter Stimme vor Gericht.

Meier*, einmaliger Patient

Meier, der Schwager von Blum, sagte heute als erstes Opfer vor Gericht gegen den Musiklehrer aus. Er sei von Blum dazu gedrängt worden, bei X. seine Migräne und Epilepsie heilen zu lassen. Dass die Schwägerin schon länger mit dem Heiler bekannt gewesen sei und zu diesem Zeitpunkt bereits selber HIV-positiv war, habe er nicht gewusst. Der Heiler habe auf ihn «übertrieben freundlich» gewirkt und sich stark für seine Gesundheitsprobleme interessiert.

Mit gefasster Stimme erzählte Meier vor Gericht, wie er die «Behandlung» durch den Heiler X. in dessen Wohnung erlebte: Er habe sich auf den Perserteppich legen müssen, dann sei der Heiler kurz verschwunden und habe ihn mit «irgendetwas» in die Schulter gestochen. «Der Stich dauerte zwei, drei Sekunden», sagte Meier vor Gericht. Die Akupunktur sei erledigt, er solle aufpassen, dass er nicht erkranke, habe X. danach gesagt.

10 Tage später sei dann die Krankheit mit starken Fieberschüben und Kopfschmerzen ausgebrochen. Ein HIV-Test sei später positiv ausgefallen. «Für mich war sofort klar, dass die Infektion vom Stich herrührt», so Meier. «Und dass es weitere Opfer gibt.» Deshalb erstattete er Anzeige gegen den Heiler, obwohl ihm die Ärzte des Inselspitals davon abrieten. «Nur so kann man X. stoppen», sagte Meier weiter.

Wut über das Ereignis ist allgegenwärtig

Über die Motive des Heilers konnte Meier nur spekulieren. Er habe sich weder für die Behandlungen noch für den Musikunterricht von X. interessiert, vielleicht habe ihn das in seinem Stolz verletzt. Weiter vermutete Meier: «Er wollte die Opfer wohl in eine Abhängigkeit führen, um sie nach dem positiven Test weiterbehandeln zu können.»

Seinen heutigen Gesundheitszustand beschrieb das Opfer als «den Umständen entsprechend». Er leidet sowohl an einer HIV- als auch an einer Hepatitis-C-Infektion. «Ich habe HIV im Endstadium. Bei mir ist Aids ausgebrochen. Ärzte rechnen mit einer Lebenserwartung von etwa 60 Jahren.» Seine drei Kinder habe er anfangs nicht über die Krankheit informiert.

Erst als seine 14-jährige Tochter den Medikamentenschrank durchwühlt und im Internet nach Informationen gesucht habe, habe er ihr die Sache erklärt. «Das war ein Schock für sie.» Seine Frau habe ihm erst geglaubt, als sie erfahren habe, dass ihre Schwester auch HIV-positiv sei. Die Wut über das Ereignis sei allgegenwärtig, so Meier vor Gericht.

*Namen der Redaktion bekannt

Der Prozess dauert drei Wochen. Das Urteil soll am 21. oder 22. März eröffnet werden. 20 Minuten Online berichtet laufend vom Gerichtsverfahren.

Straftatbestände

Staatsanwalt Hermann Fleischhackl wirft dem Musiklehrer X.* vor, 16 Schüler und Patienten mit HIV-kontaminierten Nadeln oder Nadel-ähnlichen Gegenständen gestochen zu haben. Der selbsternannte Heiler ist der schweren Körperverletzung und Verbreitung menschlicher Krankheiten sowie wegen Drohung, versuchter Nötigung und Tätlichkeiten angeklagt. G. bestreitet alle Taten. Der Prozess dauert drei Wochen, das Urteil soll am 22. oder 23. März verkündet werden.

*Name der Redaktion bekannt.

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