Strafgericht BS: «Er hat mir sicher 50 Mal an den Busen gefasst, es war einfach normal»
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Strafgericht BS«Er hat mir sicher 50 Mal an den Busen gefasst, es war einfach normal»

Ein Vorarbeiter in einem Malerbetrieb hat seine Lehrtöchter sexuell belästigt. Vor Gericht gab er an, er hätte die Berührungen und verbalen Übergriffe freundschaftlich gemeint. Die Einzelrichterin sprach ihn schuldig.

von
Jeanne Dutoit
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Drei ehemalige Malerlehrtöchter zogen gegen einen Vorarbeiter vor Gericht. Der Kadermitarbeiter ihres Lehrbetriebs soll sich jahrelang übergriffig verhalten haben. (Symbolbild)

Drei ehemalige Malerlehrtöchter zogen gegen einen Vorarbeiter vor Gericht. Der Kadermitarbeiter ihres Lehrbetriebs soll sich jahrelang übergriffig verhalten haben. (Symbolbild)

20min/Michael Scherrer
Der heute 42-Jährige musste sich am Montag vor dem Basler Strafgericht wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Abhängigen und Ausnützung der Notlage verantworten.

Der heute 42-Jährige musste sich am Montag vor dem Basler Strafgericht wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Abhängigen und Ausnützung der Notlage verantworten.

20 Minuten

Darum gehts

  • Ein Kadermitarbeiter eines Malerbetriebs musste sich am Montag vor Gericht verantworten, weil er drei Lehrtöchter sexuell belästigt habe.

  • Zwei der Frauen arbeiten, aufgrund der Übergriffe, heute nicht mehr als Malerinnen, sagten sie während des Prozesses.

  • Der Mann (42), der immer noch in derselben Position in besagter Firma arbeitet, wurde schuldig gesprochen und zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt.

Die drei Opfer schilderten am Montagmorgen ein Bild eines absolut toxischen, chauvinistischen Arbeitsortes. Im Betrieb fielen sexistische Sprüche. Es sei zudem üblich gewesen, Frauen nachzupfeifen und sie per se nicht beim Namen zu nennen: Stattdessen waren sie Prinzessinnen oder Schnecken.

Angeklagt waren Übergriffe von Juli 2015 bis August 2018. Der Kadermitarbeiter eines Malergeschäfts aus dem Kanton Basel-Stadt nutzte über Jahre das Abhängigkeitsverhältnis von mehreren Lehrtöchtern aus und nahm sexuelle Handlungen an ihnen vor. Die Frauen waren zum Tatzeitpunkt 16-, 17- und 21-jährig. 

Eines der Opfer hat sich mittlerweile in eine therapeutische Behandlung begeben. Zwei der jungen Frauen haben noch während der Lehre den Betrieb gewechselt, zwei arbeiten mittlerweile nicht mehr als Malerin. Weil die Übergriffe Narben hinterlassen hätten und die sexuelle Belästigung während der Ausbildung ihnen die Freude am Handwerk genommen hat, sagten sie während der Befragung am Basler Strafgericht aus. «Wenn ich das Auto meines Ausbildungsbetriebs sehe, wird mir heute noch körperlich schlecht», äusserte sich die Einzige, die noch auf dem Beruf arbeitet.

Übergriffe waren in der Firma kein Geheimnis

Die Lehrjahre wurden für die Frauen zum traumatischen Erlebnis: wegen der Übergriffe durch den Vorarbeiter, der sie angelehrt hatte und oft mit ihnen alleine auf Baustellen und im Auto unterwegs gewesen ist. Und wegen der Gewissheit, dass der Mann durch den Chef gedeckt werde. Nachdem der Beschuldigte eine Lehrtochter in die Schulter gebissen hatte, folgte ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten. Nach einer Verwarnung belästigte er die Frau ungehemmt weiter.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?

Hier findest du Hilfe:

Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz

Verzeichnis von Anlaufstellen

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Zu wissen, dass die Übergriffe im Betrieb kein Geheimnis waren und teilweise auch im Beisein anderer Handwerker-Kollegen stattfanden, sei erdrückend gewesen, schildert eine der drei jungen Frauen während sie mit den Tränen kämpft. Kein Arbeitstag verging ohne Angst. Sie habe sich «alleine und unterdrückt» gefühlt. Eine andere Frau sagte über den Moment der Übergriffe und wieso sie lange keine Hilfe gesucht hat: «Man ist so erstarrt in diesem Moment.» Einmal habe sie ihm die Hand weggeschlagen, gehindert habe ihn das nicht. «Er hat mir sicher 50 Mal an den Busen gefasst. Es war einfach normal», so die Frau.

Er massierte der Lehrtochter den Nacken und frisierte ihr Haar

«Wo hat er Sie den überall berührt?», fragte die Einzelrichterin Susanne Nese eine andere Frau: «Überall, Kopf, die Haare hat er mir ungefragt  frisiert und den Nacken massiert, Brust, Oberschenkel, Bauch und sich von hinten an mein Gesäss gedrückt», antwortete sie. 

Der 42-jährige Grenzgänger arbeitet noch heute in derselben Position in besagter Firma. Die Übergriffe tat er während des Prozesses als «freundschaftlich» ab. Nie hätte er sexuelle Intentionen gehabt. Während der Verhandlung gab er sich geläutert. Heute sei ihm bewusst, dass es falsch war, wie er sich verhalten hatte. Bei den Opfern entschuldigte er sich, es tue ihm leid, woraufhin eine der Frauen seine Worte als «unglaubwürdig» abtat.

Das Gericht sprach den Mann am Montagabend gemäss Anklage schuldig. Er wurde mit einer bedingten Geldstrafe von 300 Tagessätzen à 130 Franken bestraft. Zudem muss er eine Genugtuungssumme bezahlen und trägt die Urteils- und Verfahrenskosten. Die Strafe fällt milder aus als der Strafantrag. Die Staatsanwaltschaft, die an der Verhandlung nicht anwesend war, forderte eine einjährige, bedingte Freiheitsstrafe. 

«Die Frauen konnten Ihnen nicht entkommen»

Der Verteidiger zerpflückte einen Punkt der Anklage: Die Lehrtöchter seien keinesfalls in einem Abhängigkeits-Verhältnis mit seinem Mandanten gestanden. Zudem führte er das Argument ins Feld, dass die Grenze zwischen sexuellen Handlungen und sexueller Belästigung schmal sei. Er plädierte auf Letzteres.

Das Gericht entkräftigte die Argumentation des Strafverteidigers. Der Mann sei sich seiner Stellung sehr wohl bewusst gewesen und habe diese ausgenutzt. Er habe Situationen «provoziert», um mit seinen Opfern Körperkontakt herzustellen. Die Einzelrichterin sprach von einem «offensichtlichen Muster». «Sie haben sich diesen drei Frauen systematisch verbal und körperlich aufgedrängt.» Und weiter: «Die Frauen hatten keine Chance. Sie konnten Ihnen nicht entkommen.» Zudem rügte sie das Frauenbild des Mannes. Er habe die Personen auf ihr «Frausein reduziert», sein Bild des weiblichen Geschlechts sei antiquiert.


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