Obdachloser stirbt nach Angriff von 20-Jährigem - «Er hat sich ein ‹Objekt› gesucht, das ihm hoffnungslos unterlegen ist»
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Obdachloser stirbt nach Angriff von 20-Jährigem «Er hat sich ein ‹Objekt› gesucht, das ihm hoffnungslos unterlegen ist»

Das Tötungsdelikt im Zürcher Kreis 9 sorgt für Empörung. Ein Forensiker erklärt, wie es zu einer solchen Tat kommen kann.

von
Monira Djurdjevic

Bozo (63) trauert um seinen besten Freund R.

Video: 20min/Alina Müller

Darum gehts

  • Im Zürcher Kreis 9 kam es am Sonntag zu einem Tötungsdelikt.

  • Beim Opfer handelt es sich um einen 66-jährigen Obdachlosen. Laut der Polizei starb der Mann durch massive, stumpfe Gewalteinwirkung.

  • Der mutmassliche Täter (20) hat ein Geständnis abgelegt.

  • Ein Forensiker erklärt, wie es zu einer solchen Tat kommen kann.

Der 66-jährige Obdachlose R.* ist am Sonntag beim GZ Bachwiesen im Zürcher Kreis 9 durch massive, stumpfe Gewalteinwirkung gestorben. Der mutmassliche Täter (20) war noch am Tatort festgenommen worden. Freunde und Bekannte sind fassungslos. «Ich bin überzeugt, dass R. aus Langeweile getötet wurde», sagte eine Bekannte. Wie eine Frau auf Snapchat schreibt, soll der mutmassliche Täter «mega besoffen» gewesen sein und die Tat mit seinem Handy gefilmt und dann auf Snapchat hochgeladen haben. Bei der Zürcher Staatsanwaltschaft hat man Kenntnis von einem Video, wie es auf Anfrage heisst.

Laut Thomas Knecht, Leitender Arzt der Forensischen Psychiatrie am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden, könnte es sich um eine intrinsische Motivation handeln. «Intrinsisch motivierte Menschen handeln aus eigenem Antrieb heraus. Sie wollen bewusst ein aufgestautes Bedürfnis erleben», erklärt Knecht. «Gut möglich, dass der mutmassliche Täter dauerhaft frustriert ist und so seine Aggressionen loswerden wollteEr habe dabei nach einem «Objekt» gesucht, das ihm «hoffnungslos» unterlegen ist. «Dass es sich beim Opfer um eine randständige Person handelt, passt dazu.»

Knecht spricht hierbei von einem sogenannten Charakter-Sadismus: «Der Täter muss sich mit der Tat selbst aufbauen und bestätigen.» Der Alkoholkonsum spiele bei solchen Delikten einen enthemmenden Faktor. Fehlende Empathie beim Täter begünstige eine solche Tat.

«Er will diese Brutalität festhalten und zeigen»

Mit dem Filmen der Tat erfolge eine weitere Selbstbestätigung. «Hier spricht man von einer lustbetonten Motivation. Er lebt seine brutalen Fantasien aus und will diese Brutalität festhalten und zeigen», sagt Knecht. Das sogenannte «Happy Slapping» sei in der Schweiz gar nicht so selten. «Mit dem Internet und der zunehmenden Bedeutung der sozialen Medien hat sich das Phänomen bei der jüngeren Generation in den letzten Jahren verbreitet.»

Mit «Happy Slapping» sind laut Knecht selbstgedrehte Handy-Filme gemeint, in denen eine fremde oder auch eine ganz bewusst ausgewählte Person geschlagen oder verletzt wird. Die Täterinnen und Täter flüchten im Normalfall danach und veröffentlichen die Aufnahmen im Internet oder schicken sie per Handy weiter.

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Der 66-jährige Obdachlose R.* ist am Sonntag beim GZ Bachwiesen im Zürcher Kreis 9 durch massive, stumpfe Gewalteinwirkung gestorben.

Der 66-jährige Obdachlose R.* ist am Sonntag beim GZ Bachwiesen im Zürcher Kreis 9 durch massive, stumpfe Gewalteinwirkung gestorben.

20min/amu
Freunde und Bekannte sind fassungslos. 

Freunde und Bekannte sind fassungslos.

20min/amu
«Ich habe noch nie so einen guten Menschen getroffen. R.* war für mich wie ein Bruder», sagt sein bester Freund Bozo (63).

«Ich habe noch nie so einen guten Menschen getroffen. R.* war für mich wie ein Bruder», sagt sein bester Freund Bozo (63).

20min/amu

«R.* war für mich wie ein Bruder»

Die Trauer um R. ist gross. Blumen, Kerzen und ein Bild des Verstorbenen haben Bekannte und Freunde bei seinem Lieblingsplatz beim Einkaufszentrum Letzipark hingelegt. «Ich habe noch nie so einen guten Menschen getroffen. R.* war für mich wie ein Bruder», sagt sein bester Freund Bozo (63). In den letzten Jahren hätten sie fast jeden Tag zusammen verbracht. «Ich sass am Samstagabend noch mit ihm zusammen und habe ihm gesagt, dass er bei mir übernachten soll. Er hätte sich bei mir duschen und umziehen können.» R. habe aber abgelehnt. «Er sagte, dass er zum GZ muss, weil er sonst seinen Schlafplatz verliert.» Traurig sagt Bozo: «Hätte er bei mir übernachtet, wäre das nicht passiert.»

Die Hintergründe der Tat sind laut der Zürcher Staatsanwaltschaft Gegenstand der Ermittlungen. Für den 20-jährigen Schweizer wurde U-Haft beantragt.

*Name der Redaktion bekannt

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

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