Machthaber von Belarus - Er ist als Lügen-Lukaschenko aufgeflogen
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Machthaber von BelarusEr ist als Lügen-Lukaschenko aufgeflogen

Alexander Lukaschenko besteht darauf: Ein Drohmail habe ihn veranlasst, den Ryanair-Flieger in Minsk landen zu lassen. Doch seine Version geht nicht auf.

von
Ann Guenter
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Lukaschenko am Mittwoch vor seinem Parlament: Die unvorhergesehene Landung des Ryanair-Fliegers in Minsk  war rechtmässig, weil …

Lukaschenko am Mittwoch vor seinem Parlament: Die unvorhergesehene Landung des Ryanair-Fliegers in Minsk war rechtmässig, weil …

via REUTERS
… eine Bombe an Bord hätte sein können (im Bild: besagter Flieger, nachdem er mit Stunden Verspätung in Vilnius ankam – ohne den in Minsk verhafteten Oppositionellen Roman Protassewitsch). 

… eine Bombe an Bord hätte sein können (im Bild: besagter Flieger, nachdem er mit Stunden Verspätung in Vilnius ankam – ohne den in Minsk verhafteten Oppositionellen Roman Protassewitsch).

REUTERS
Lukaschenko und Belarus verweisen auf dieses Droh-E-Mail, das am Flughafen Minsk eingegangen war.  Nur stimmt etwas mit der zeitlichen Abfolge nicht, wie sich jetzt zeigt. 

Lukaschenko und Belarus verweisen auf dieses Droh-E-Mail, das am Flughafen Minsk eingegangen war. Nur stimmt etwas mit der zeitlichen Abfolge nicht, wie sich jetzt zeigt.

Screenshot Dossier Center/Daily Beast

Darum gehts

  • Alexander Lukaschenko verteidigt die erzwungene Landung einer Ryanair-Maschine in Minsk, bei der der Oppositionelle Roman Protassewitsch verhaftet wurde.

  • Er habe keine Wahl gehabt, als das Flugzeug landen zu lassen, da möglicherweise eine Bombe an Bord war.

  • Der Machthaber von Belarus verweist auf ein Protokoll der Luftkontrolle .

  • Ein geleaktes Mail legt nahe, dass Lukaschenko lügt.

Alexander Lukaschenko verteidigt die erzwungene Landung vehement und beharrt darauf: Der Grund sei eine mutmassliche Bombe an Bord der Ryanair-Maschine gewesen, die von Athen nach Vilnius geflogen war.

«Was hätten wir sonst tun sollen», so Lukaschenko vor dem belarussischen Parlament. Derzeit würden «Kaskaden» von Bombendrohungen gegen Menschen und Institutionen im Land eingehen. Er habe rechtmässig gehandelt und sein Land und Volk geschützt. Und überhaupt wolle der Westen Belarus destabilisieren und zerstören.

Ein Transkript soll Lukaschenko bestätigen

Ohne weitere Erläuterung behauptete der Langszeitmachthaber: Belarus habe aus der Schweiz die Information bekommen, dass sich ein Sprengsatz an Bord des Flugzeugs befinde. Bern aber wies dies von sich (mehr dazu siehe Box). Ebenso wie die Hamas. Die Radikalislamisten dementierten eine erste Version der belarussischen Behörden, dass sie hinter der Bombendrohung steckten.

«Hamas, die Schweiz oder wer auch immer», sagte Lukaschenko sinngemäss und verwies auf ein Transkript zwischen Tower und Piloten, das das Verkehrsministerium veröffentlicht hatte, das seine Version der Dinge bestätigen sollte.

Demnach flog die Ryanair-Maschine am letzten Sonntag um 12:30 Uhr in den belarussischen Luftraum. Die Piloten wurden umgehend über ein eingegangenes Mail informiert, wonach sie eine Bombe an Bord hätten. 12:47 Uhr änderte das Flugzeug den Kurs und flog Minsk an. Zuvor hatte der Lotse den Piloten mehrfach geraten, in der belarussischen Hauptstadt zu landen.

Zeitlicher Ablauf falsch

Besagtes Droh-Mail wurde aber in der Zwischenzeit der Presse zugespielt. Die Zeitangabe zeigt, dass die Nachricht erst um 12.57 Uhr beim Flughafen Minsk eingegangen war – 27 Minuten nachdem die Maschine den Luftraum Belarus’ erreicht hatte, und 24 Minuten nachdem die belarussische Flugkontrolle die Piloten erstmals informiert hatte, dass mehrere Flughäfen das Drohmail erhalten hätten.

Abgeschickt hatte das Mail mit Betreff «Allahu Akbar» ein «ahmed_yurlanov1988@protonmail.com», der im Namen der Soldaten der Hamas erklärte, dass die Bombe gezündet werde, sollte Israel das Bombardement im Gazastreifen nicht einstellen. Den Nachrichteninteressierten fällt auf, dass auch hier zeitlich wenig zusammen passt: Vergangenen Sonntag war der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas schon zwei Tage in Kraft.

Und dann auch noch der Name

Auch der verwendete Absendername lässt stark vermuten, dass es sich um ein fingiertes Mail handelt. Yurlanov sei ein gängiger jüdischer Nachname, so «The Daily Beast». Ein Vertreter der echten Hamas – die auch nicht für Entführungen ziviler Flugzeuge bekannt ist – würde sich kaum so nennen.

Alles in allen bleiben Erklärungen und Versionen Lukaschenkos unglaubwürdig. «Vielleicht hat ihn die entschiedene Reaktion aus Brüssel so überrascht», kommentiert die «Sueddeutsche Zeitung», «dass ihm auf die Schnelle keine besseren Lügen mehr einfielen.»

Tatsächlich hat die EU wegen der Geschehnisse schnell Sanktionen gegen den Machtapparat in Belarus auf den Weg gebracht. Dazu gehört auch ein Flugverbot für Fluggesellschaften der früheren Sowjetrepublik. In Brüssel strebt man an, dass die geplanten Sanktionen gegen ausgewählte Wirtschaftszweige im Idealfall noch vor dem Sommer in Kraft treten.

Alexander Lukaschenko

Wieso kommt er auf die Schweiz?

«Die Schweizer Behörden hatten und haben keine Kenntnisse über eine Bombendrohung auf dem Ryanair Flug Athen-Villnius. Es gab dementsprechend auch keine Meldung der Schweiz an die belarussischen Behörden», teilte das Aussendepartement EDA am Mittwoch auf Anfrage von 20 Minuten mit. Zuvor hatte Präsident Lukaschenko die Welt wissen lassen, dass die Schweiz Belarus über ein Mail mit einer Bombendrohung informiert habe. Wieso soll das Mail ausgerechnet aus der Schweiz gekommen sein, wie kommt der Langzeitmachthaber darauf? «Der Spiegel» bietet eine Erklärung an: «Womöglich fusst dies auf einem Missverständnis, das mit dem E-Mail-Dienst Protonmail zusammenhängt: Der Anbieter hat seinen Sitz im Kanton Genf.»

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