Aktualisiert 04.02.2013 13:38

Justizskandal

Er ist kein Serienkiller, nur ein Lügner

Im Schwedenkrimi würde man die Geschichte als zu unglaubwürdig abhaken: Die schwedische Justiz ist einem notorischen Lügner aufgesessen, der behauptet hat, 33 Morde begangen zu haben.

Thomas Quick (geborne Sture Bergwall) soll 33 Morde begangen haben. Doch: «Der Mörder ist weg, aber noch wirft er Schatten auf unser Leben».

Thomas Quick (geborne Sture Bergwall) soll 33 Morde begangen haben. Doch: «Der Mörder ist weg, aber noch wirft er Schatten auf unser Leben».

Der angebliche Serienmörder Sture Bergwall kann nach dem Geständnis von 33 Morden und der Verurteilung für 8 mit der baldigen Freilassung als Opfer eines gigantischen Justizirrtums rechnen.

Nach fast 20 Jahren hinter Schloss und Riegel twitterte der 62-Jährige am Montag aus der Rechtspsychiatrie Säter: «Der Mörder ist weg, aber noch wirft er Schatten auf unser Leben.»

Ende letzter Woche hat ein Gericht in Umeå auch die letzten drei Mordurteile aufgehoben. Seit 2010 hatte es solche Entscheidungen nach und nach schon zu den anderen fünf Urteilen gegen Bergwall gegeben, der sich zeitweise Thomas Quick nannte und als solcher zu schrecklicher Berühmtheit gelangt ist.

Er sei bei den Geständnissen als Psychiatriepatient «stark durch Medizin mit Drogenwirkung und andere Arzneimittel beeinträchtigt gewesen», befand das Gericht.

Wissen aus Berichten über unaufgeklärte Morde

Entsetzliche Details über alle möglichen in Schweden zwischen 1976 und 1988 begangenen und nicht aufgeklärten Morde hatte Bergwall den Fahndern aufgetischt und verblüffend bereitwillig Gehör gefunden. Bis hin zur Zerstückelung von Leichen und Kannibalismus. «Belohnt» wurde der von Psychologen als krankhaft geltungssüchtig eingestufte Bergwall unter anderem mit den gewünschten Drogen.

So berichtete er es, als Anwälte und Journalisten 2006 ernste Zweifel an den acht Mordurteilen öffentlich machten und Bergwall selbst seine Geständnisse zurücknahm. Das nötige Vorwissen für glaubwürdig wirkende Aussagen habe er sich aus Medienberichten über unaufgeklärte Morde zusammengelesen.

Zu passen schien auch die Vorgeschichte: Der Schwede hatte zwischen 1970 und 1990 mehrere brutale Gewalttaten gegen junge Männer, auch mit sexuellem Hintergrund, begangen.

Wenn, wie zu erwarten, die Aufhebung der Urteile für die letzten drei Mordfälle im Frühjahr Rechtskraft erlangt, will Justizministerin Beatrice Ask über eine Untersuchungskommission zu diesem vielleicht grössten Rechtsskandal der schwedischen Geschichte entscheiden.

Betroffen sind vor allem auch die Hinterbliebenen der Mordopfer. Sechs der acht Fälle sind inzwischen verjährt: Weil schwedische Polizeifahnder, Staatsanwälte und Richter einem notorischen Lügner aufgesessen sind, werden die Angehörigen vermutlich nie Klarheit bekommen und die tatsächlichen Mörder für immer ungestraft bleiben.

Streit über Entlassung aus Psychiatrie

Bergwall gibt zu, dass er selbst zu diesem Justizskandal erheblich beigetragen hat. Der Öffentlichkeit präsentiert er sich in Mitteilungen im Internet und Medieninterviews als ein Geläuterter.

«Ich habe eine grosse Mitverantwortung. (...) Am liebsten würde ich den ganzen Unsinn im Gerichtssaal aufzeigen», sagte er der Zeitung «Dagens Nyheter». Aber dazu werde es wohl nicht kommen, weil die Staatsanwaltschaft daran nicht interessiert sei.

Streit wird es auf jeden Fall noch um die von Bergwall betriebene Entlassung aus der geschlossenen Psychiatrie in Säter geben. Die Psychiater dort stufen ihren Dauerpatienten seit 18 Jahren als gefährlich ein. Aber die Fachleute hatten mit ihren Gutachten und der Verabreichung von Psychopharmaka eben auch entscheidend dazu beigetragen, dass Sture Bergwall alias Thomas Quick als angeblicher Serienkiller verurteilt werden konnte. (sda)

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