Aktualisiert 21.03.2011 15:47

Endzeitstimmung«Er ist noch da, aber nur in seinem Palast»

Die Informationslage in Libyen ist nach wie vor prekär. Doch das Gaddafi-Regime ist am Ende, sagt Khaled Saleh aus dem Schweizer Exil im Interview.

von
Kian Ramezani

Ein wirrer Fernsehauftritt von Staatschef Muammar al Gaddafi, Leichen auf den Strassen von Tripolis, verbarrikadierte Bürger und regierungstreue Milizen, die wild um sich schiessen: In Libyen macht sich Endzeitstimmung breit. Augenzeugen berichteten am Dienstag von einem immer brutaleren Vorgehen bewaffneter Truppen Gaddafis gegen die Protestbewegung in der Hauptstadt. Nach UN-Angaben gab es mindestens 250 Tote im Land, Beobachter gehen allerdings von einer weit höheren Zahl aus.

Im Interview mit 20 Minuten Online analysiert der Libyer Khaled Saleh die Situation in seinem Heimatland. Er ist Generalsekretär der Organisation «Solidarität für Menschenrechte» und lebt im Schweizer Exil.

Gaddafi's schräge TV-Ansage

20 Minuten Online: Wie erhalten Sie im Moment Informationen aus Libyen?

Khaled Saleh: Im Moment nur wenige, weil weder Mobil- noch Festnetznummern erreichbar sind. Über Twitter und Facebook sickern manche Informationen durch. Leider haben wir so nur ein unvollständiges Bild über die Lage.

Unruhen in Libyen

Wie beurteilen Sie den Fernsehauftritt Gadaffis? Ist er immer noch in Libyen?

Ich gehe davon aus, dass er immer noch in Libyen ist. Aber ausser in seinen Palast kann er nirgends mehr hingehen. Ich habe gehört, dass einige seiner Minister das Land schon mit ihren Familien verlassen haben.

Wie lange, glauben Sie, kann sich das Regime noch halten?

Wie lange wissen wir nicht, aber eigentlich kontrolliert das Regime nur noch einen kleinen Teil der Hauptstadt Tripolis, die Zone um den Präsidentenpalast. Der Druck der Menschen ist auf jeden Fall da und er wird nicht nachlassen.

Was kann, was sollte der Westen Ihres Erachtens tun?

Wir Exil-Libyer veranstalten mit Sympathisanten Demonstrationen in Genf. Von den westlichen Regierungen erwarten wir, dass sie dieses kriminelle Regime nicht länger anerkennen. Die Aussagen des italienischen Aussenministers Franco Frattini waren völlig inakzeptabel und wir werden deswegen heute vor der italienischen Botschaft in Bern demonstrieren (Anmerkung der Redaktion: Frattini sagte am Dienstag, «die EU solle sich aus Libyen heraushalten»). Wenn Europa jetzt die libysche Bevölkerung hängen lässt, werden wir das nie vergessen.

Gibt es Integrationsfiguren in der libyschen Opposition, wie Mohammad al-Baradai oder Amr Moussa in Ägypten?

Solch bekannte Persönlichkeiten gibt es in der libyschen Opposition nicht. Vergessen Sie nicht, dieses Regime akzeptierte keine Parteien, keine unabhängigen Medien. Trotzdem bin ich überzeugt, dass die Menschen in der Lage sind, mit demokratischen Institutionen umzugehen. Im Osten haben die Leute bereits begonnen, sich zu organisieren. Gaddafi behauptet natürlich, dass nach ihm die Islamisten kommen. Aber das sagten Ben Ali und Mubarak damals auch.

Welche Rollen spielen die verschiedenen Ethnien und Stämme?

Vor der Zeit Gaddafis hat es zwischen den verschiedenen Stämmen oft Probleme gegeben. Jetzt ziehen alle am selben Strick und wollen, dass Gaddafi geht.

Könnten diese Probleme nicht wieder auftauchen, sobald Gaddafi weg ist?

Ganz bestimmt nicht. Alle werden zusammenarbeiten.

Wer sind diese Söldner in den libyschen Sicherheitskräften?

Das sind Leute aus Ghana, Zaire, Kenia, Nigeria sowie tunesische Schläger des Regimes Ben Ali. Offenbar sind auch Frauen dabei. Sie schiessen die Libyer erbarmungslos zusammen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.