Aktualisiert 18.01.2017 14:45

Leser aus Bern

Er lebt seit drei Jahren ohne Magen

Lorenz Probst spürt keinen Hunger und kein Völlegefühl. Dem Berner ist vor drei Jahren der Magen entfernt worden.

von
Christian Messikommer

Das Leben von Lorenz Probst war eine Erfolgsstory: Verheiratet, zwei Töchter, ein eigenes KMU mit Angestellten, internationales Flair, gute Auftragslage. Doch dann, 2006 war es, machte plötzlich das Herz Probleme. Spital, aufwendige Therapien, Rekonvaleszenz, Wiedereinstieg in die Arbeit. Ein Jahr später war die Herzschwäche unter Kontrolle, als der Magen anfing, Probleme zu machen.

Der 48-Jährige erinnert sich: «Mir wurde immer wieder übel, ich litt unter Appetitlosigkeit, musste oft erbrechen, verlor stark an Gewicht und hatte keine Energie mehr.» Die Ärzte suchten nach Magengeschwüren, Allergien, Unterfunktionen – nach den gängigen medizinischen Konditionen also, die diese Symptome hervorrufen – vergeblich. Es dauerte fast zwei Jahre, bis eine eindeutige Diagnose gestellt werden konnte: Gastroparese – Magenlähmung.

Medikamente schlugen nicht an

Wodurch diese ausgelöst wurde, können die Ärzte bis heute nicht sagen. Was sie wissen: Wenn der Magen nichts mehr transportiert, bleibt der Nahrungsbrei liegen und wird nicht mehr in den Darm weitergeleitet. Es kommt zu Völlegefühl, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Erbrechen. Das kam mehrmals täglich vor – und das schon nach der Aufnahme kleinster Nahrungsmengen. Acht bis zwölf Stunden liegt die Nahrung weitgehend unverdaut im Magen, bis sie wieder hochkommt.

Die medikamentöse Stimulation des Magens schlug bei Lorenz Probst fehl; keines der verfügbaren Medikamente vermochte den erschlafften Magen wieder in Schwung zu bringen. «Vor der Erkrankung war mein Normalgewicht um die 86 Kilo. Zu diesem Zeitpunkt brachte ich gerade noch 49 Kilo auf die Waage.» Der dramatische Gewichtsverlust beim 181 cm grossen Berner konnte nur durch das Einsetzen einer Sonde gestoppt werden.

Nur kleine Mengen

Die Sonde wird durch die Nase eingeführt, geht die Speiseröhre hinunter durch den Magen direkt in den Dünndarm. Doch die Aufnahmekapazität des Dünndarms ist limitiert: Pro Stunde kann er nur gerade zwischen 100 und 150 Milliliter Flüssigkeit aufnehmen, das entspricht in etwa dem Inhalt einer Espressotasse. Bis zu 18 Stunden pro Tag verbringt er mit dem Schlauch in der Nase und dem Infusionsständer mit dem Tropf neben sich.

Später wird ein direkter Zugang durch die Bauchdecke direkt in den Dünndarm gelegt. Die Sonden-Ernährung und die eingeschränkte Mobilität werden zur Herausforderung für die Alltagsgestaltung. Lorenz Probst ist auf eine flexible Arbeitstätigkeit angewiesen. Er wendet sich kleinen Internet-Projekten zu, mit denen er Geld verdienen kann. Die Einschränkungen machen ihm zu schaffen. Er entwickelt Aggressionen gegen Infusionsständer, Nährlösung, Schläuche, etc. Es muss eine andere Lösung her.

Radikallösung

Eine Verbesserung der Lebensqualität könnte durch das Einsetzen eines Neurostimulators erreicht werden. Das Gerät soll die Magennerven und -muskeln anregen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Eine solche Operation wird in der Schweiz bisher jedoch nicht durchgeführt. Die nächste Adresse wäre die Berliner Charité gewesen. Für einen einmaligen Eingriff hätte Probst die Reise sicher angetreten. Aber für jede kleine Justierung, für jeden Zwischenuntersuch nach Berlin? Der Familienvater entschied sich für die drastischere Massnahme: die Entfernung des Magens, auch Gastroektomie genannt.

Seit März 2013 mündet seine Speiseröhre nun direkt in den Dünndarm. Die Nahrung, die er zu sich nehmen kann, ist limitiert in Menge und Auswahl. Trotzdem sei der Gewinn an Lebensqualität für ihn von unschätzbarem Wert, sagt er. Immerhin kann er endlich wieder Nahrung kauen und schlucken. Auch wenn er sich nun an die Nahrungsaufnahme erinnern muss, denn da ist kein Magen mehr, der Hungergefühle sendet. Ergänzend zur Nahrung benötigt er Medikamente und Zusatzstoffe.

Wünsche

Den Blutzucker und andere Werte muss er ständig überwachen, er ist regelmässig in ambulanter Behandlung. Trotzdem hat sich wieder etwas Normalität in Probst Alltag geschlichen. Der studierte Ökonom geht in einem Teilpensum wieder einer Lehrtätigkeit nach. Sein grösster Wunsch ist es aber, an Gewicht zuzulegen.

Haben Sie eine ähnliche Krankengeschichte wie Lorenz Probst? Der 48-Jährige würde sich wünschen, sich mit jemandem austauschen zu können. Oder haben Sie einen anderen Schicksalsschlag erlitten, den Sie uns gerne erzählen möchten? Dann melden Sie sich per Mail an community@20minuten.ch.

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