Sexualstraftäter auf der Flucht: «Mouhamed A. nutzte das Vertrauen des Klinikpersonals aus»
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Sexualstraftäter auf der Flucht«Mouhamed A. nutzte das Vertrauen des Klinikpersonals aus»

Ein Sexualstraftäter ist am Mittwoch aus der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie in Rheinau geflüchtet. Der Psychiater Thomas Knecht erklärt, wie gefährlich der 33-Jährige ist.

von
Tobias Wedermann
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«Die Rückfallquote bei Sexualstraftätern liegt bei 10 bis 25 Prozent»: Thomas Knecht, forensischer Psychiater
, über den Straftäter.

«Die Rückfallquote bei Sexualstraftätern liegt bei 10 bis 25 Prozent»: Thomas Knecht, forensischer Psychiater
, über den Straftäter.

zvg

Mit diesem Foto fahndet die Polizei nach dem verurteilten Sexualstraftäter Mouhamed A.


Mit diesem Foto fahndet die Polizei nach dem verurteilten Sexualstraftäter Mouhamed A.

Kantonspolizei Zürich
Die geschlossene Abteilung für forensische Psychiatrie in Rheinau liegt an der Grenze zu Deutschland, unweit des Rheins.

Die geschlossene Abteilung für forensische Psychiatrie in Rheinau liegt an der Grenze zu Deutschland, unweit des Rheins.

Google Maps

Mouhamed A. konnte während eines unbegleiteten Arealausgangs flüchten. Wie konnte das geschehen?

Damit es so weit kommt, muss sich ein Sexualstraftäter zuerst das Vertrauen seiner Betreuer erwerben, Schritt für Schritt. Da kann es leider auch einmal zu einer bösen Überraschung kommen, das heisst, der Beschuldigte nutzt das Vertrauen des Klinikpersonals aus. Mit diesen manipulativen Kompetenzen muss man in unserem Beruf rechnen.

Ist eine Flucht unter diesen Umständen für Sie überraschend?

Durch seine Flucht zeigt der Täter, dass er die Therapie als sinn- und nutzlos betrachtet, was unter diesen speziellen Umständen nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Es ist davon auszugehen, dass er in seiner Heimat mit solcher Delinquenz ein ungleich grösseres Risiko einginge, was möglicherweise seine Kosten-Nutzen-Kalkulation im Vorfeld der Tat beeinflusst haben könnte. Dies wird aber wohl sein Geheimnis bleiben.

Der flüchtige Mouhamed A.

Er stellte im Wald jungen Frauen nach und versuchte sie zu vergewaltigen: Mindestens bis 2022 hätte Mouhamed A. für seine Straftaten hinter Gittern bleiben müssen. Doch am Mittwochmorgen floh der Marokkaner aus der geschlossenen Abteilung der Klinik für forensische Psychiatrie in Rheinau und wurde trotz Fahndung der Zürcher Kantonspolizei bis jetzt nicht gefasst.

Die Ihnen bekannten Urteile zeigen auf, wie Mouhamed A. bei seinen Taten vorgegangen ist: Unter anderem lauerte er Joggerinnen auf und attackiert diese von hinten. Was sagt dieses Verhalten über sein Wesen aus?

Dieses gezielte und rücksichtslose Tatverhalten widerspiegelt den Angriff eines Raubtiers auf eine nichtsahnende Beute, wofür unsere amerikanischen Fachkollegen den treffenden Ausdruck des «sexual predator» haben. Das Opfer wird zum reinen Nutzobjekt herabgewürdigt; es hat nur der Begierde des Täters zu dienen und wird danach in seinem Elend zurückgelassen. Es braucht keinen forensischen Psychiater, um sich auszumalen, welch erschreckende, menschenfeindliche Haltung hinter einem solchen Verhalten steht.

Zusätzlich zur vierjährigen Freiheitsstrafe wurde bei Mouhamed A. eine stationäre therapeutische Massnahme angeordnet, da der Gutachter eine Schizophrenie diagnostizierte. Können Sie dies nachvollziehen?

Eine Vergewaltigung ist keine psychische Störung, sondern eine Form von Raubdelikt, bei dem das Opfer seiner Menschenwürde beraubt wird. Dementsprechend weisen diese Täter in der Mehrzahl auch noch andere Kriminalitätsformen, aber eher selten eine psychiatrische Vorgeschichte auf. Tatsächlich sind bei A. noch weitere Aggressions- und Eigentumsdelikte bekannt, welche auf einen antisozialen Lebensstil hindeuten. Inwiefern sein Lebensvollzug daneben von psychotischen Symptomen geprägt respektive beeinträchtigt war, ist mir gänzlich unbekannt.

Wie hoch schätzen Sie die Rückfallgefahr ein? Müssen junge Frauen jetzt besonders aufpassen, wenn sie in der Region Rheinau in den Ausgang gehen?

Es ist eher wahrscheinlich, dass der Fluchtweg nun Priorität hat, der Mann wird den Ball während der Fahndung flach halten und nicht unnötig auf sich aufmerksam machen. Doch danach besteht durchaus die Gefahr, dass der Mann sich erneut an Frauen vergeht. Die Rückfallquote bei Sexualstraftätern liegt bei 10 bis 25 Prozent.

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