Aktualisiert 10.08.2017 10:27

Ex-Lehrling des Pferdequälers«Er rannte ihm mit der Mistgabel hinterher»

Ein ehemaliger Mitarbeiter erinnert sich an seine Zeit mit dem verhafteten Pferdehalter aus dem Thurgau. Derweil räumen die Behörden auch Fehler ein.

von
fal

Gewalt und Alkohol: Auf dem Hof des verhafteten Pferdehalters ging es teilweise rabiat zu. (Video: Tamedia)

Der heute 22-jährige Pferdepfleger Jonas M. (Name geändert) kehrte am Dienstag auf seinen ehemaligen Arbeitsplatz in Brüschwil bei Hefenhofen TG zurück. Er beobachtete, wie das Gut von den Behörden geräumt wurde. Tags zuvor war Pferdehalter Ulrich K. in Gewahrsam genommen worden. Gegenüber der «Nordwestschweiz» erinnert sich Jonas M. über seine Zeit bei seinem ehemaligen Chef, der mittlerweile psychiatrisch betreut wird.

Als Lehrling arbeitete er zwei Monate lang bei Ulrich K. Dabei hätten sich beide auf Anhieb gut verstanden. Vor Weihnachten 2013 habe er erstmals den Hof betreten. «Es gab ein grosses Weihnachtsessen mit der Familie und den Angestellten. Sie nahmen mich sofort auf», erklärt Jonas M. Sein Chef sei im Umgang angenehm gewesen. «Wenn ich einen neuen Sattel brauchte, rannte Ueli sofort», erinnert sich der Pferdenarr.

Ausraster und Alkohol

Aber Ulrich K. hätte auch eine andere Seite gezeigt. «Er kann auch verdammt aggressiv werden», weiss Jonas M. Einmal habe ein polnischer Hilfsarbeiter einen Traktor überladen und dabei sei die Achse gebrochen. Ulrich K. sei völlig ausgerastet. Er habe seine Schaufel nach dem Arbeiter geworfen und sei ihm mit der Mistgabel hinterhergerannt. Auch sei am Hof viel Alkohol im Spiel gewesen, dieser habe bei den Wutausbrüchen des Chefs sicher auch eine Rolle gespielt.

Nach seiner Zeit als Lehrling auf dem Hof in Hefenhofen ist Jonas M. immer wieder dorthin zurückgekehrt und hat sich in unregelmässigen Abständen um verschiedene Pferde gekümmert. Er sei der Einzige gewesen, der mit ihnen geritten sei, erzählt Jonas M. der Zeitung. Dabei sei ein aggressiver Wallach sein Lieblingspferd gewesen. Er hoffe, dass es dem Tier nun gut gehe. «Meinen Pferden ging es gut.» Darum habe er nicht eingegriffen, obwohl es Missstände auf dem Hof gab.

«Wir müssen uns Fragen stellen»

Gegenüber dem «St. Galler Tagblatt» hat der Thurgauer Kantonsarzt Paul Witzig im Fall Ulrich K. auch Fehler eingestanden. So müsse man sich die Frage stellen, ob man nicht zu lange zugeschaut habe. «Der Kanton hat lange eine deeskalierende Strategie gewählt, die schliesslich nicht gefruchtet hat», sagt Witzig im Interview. Es seien mehrfach unangekündigte Kontrollen unter Polizeischutz durchgeführt worden. Diese seien vom Betroffenen jedoch als Provokation ausgelegt worden und hätten die Strategie der Deeskalation behindert, für die sich der Kanton entschieden hätte. «Die aktuellen Bilder gaben jetzt aber den Ausschlag, von dieser verfolgten Strategie abzukommen und rigoros durchzugreifen.»

Witzig bestätigt, dass er bei seinen Kontrollen auf dem Hof von Ulrich K. auch mit der Waffe bedroht worden sei. «Die Kontrollen haben zwar gezeigt, dass der Hof von K. kein Vorzeigebetrieb ist. Von Zuständen wie auf den Bildern war das, was die Kontrolleure zu Gesicht bekommen haben, aber weit entfernt», rechtfertigt sich der Thurgauer Kantonsarzt zu Vorwürfen in der Öffentlichkeit. Dass Witzig von Tierschützer Erwin Kessler angezeigt worden sei, dazu will der Tierarzt keine Stellung nehmen.

Fohlenprämien für den Pferdezüchter

Inzwischen wurde bekannt, dass die Spuren von Ulrich K. auch nach Graubünden führen. Auf diversen Alpen würden Pferde und Rinder aus seinem Betrieb übersommern, schreibt die «Südostschweiz». «Wir wissen, wo die Tiere in Graubünden sind. Nach unserem aktuellen Kenntnisstand geht es ihnen gut», erklärt Giochen Bearth, stellvertretender Bündner Kantonstierarzt.

Dass die ganze Affäre weitere Kreise zieht als ursprünglich angenommen, zeigt der TV-Bericht der SRF-Sendung «Schweiz aktuell». Recherchen beweisen, dass Ulrich K. bis zuletzt Prämien für seine Freiberger Pferde kassiert hat. Damit sei mit Bundesgeldern ein Anreiz geschaffen worden, dass er immer mehr Tiere gehalten habe. Ulrich K. sei ein leidenschaftlicher Züchter von Freiberger Pferden, der letzten Schweizer Pferderasse, gewesen, heisst es im Bericht. «Deshalb fördert sie der Bund. Jeder Züchter kann pro geborenem Fohlen 500 Franken Prämie beantragen. Ausbezahlt wird sie nur, wenn der Züchter die Vorgaben des Tierschutzes einhält.»

Stéphane Klopfenstein, Geschäftsführer vom Verband des reinrassigen Freibergerpferds in Avenches, erklärt, dass es seitens der Behörden keine Rückmeldungen gegen Beanstandungen auf dem Hof gegeben habe. Gemäss Klopfenstein habe der Verband nichts von den Zuständen auf dem Hof in Hefenhofen gewusst. Deshalb habe er keine Möglichkeit gehabt, die Prämien zu kürzen oder die Situation zu verbessern.

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