Wladimir Oschekin: «Wagner will mich bis Ende Jahr töten»

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Wladimir OschekinEr redete mit den Kindermördern – «Wagner will mich bis Ende Jahr töten»

Wladimir Oschekin hat mächtige Feinde. Jetzt erst recht: Er hat verstörende Aussagen von zwei Ex-Kommandanten der russischen Söldnergruppe Wagner veröffentlicht. Ein Interview.

Er habe einen Keller mit Zivilisten «gesäubert», darunter etwa 40 Kinder, so Ex-Wagnerkommandant Uldarow.

Gulagu.net/ 20 Minuten

Darum gehts

  • Wladimir Oschekin (41) ist der Gründer von Gulagu.net.

  • Er leitet die russische Menschenrechtsorganisation aus dem Exil in Frankreich. 

  • Die Organisation prangert Menschenrechtsverletzungen in russischen Gefängnissen an. 

  • Jetzt aber hat Oschekin sich mit der russischen Söldnergruppe Wagner angelegt. 

  • Im Interview erklärt er, wie es dazu kam und mit welchen Risiken er jetzt leben muss. 

Das hat unter den 20-Minuten-Lesenden grosses Entsetzen ausgelöst: In einem Video erzählen die zwei ehemaligen Wagner-Kämpfer Azamat Uldarow und Aleksei Sawitchew der russischen Menschenrechtsorganisation Gulagu.net von ihren Kriegsverbrechen in der Ukraine. «Uns wurde befohlen, jeden zu töten, der sich uns in den Weg stellte. Das taten wir auch. Es waren Frauen, Männer, Rentner und Kinder», berichtet Uldarow. In Bachmut habe er einen Keller mit zwischen 300 und 400 Zivilisten «gesäubert», darunter etwa 40 Kinder. 

Die Horrorschilderungen der beiden Russen zeichnete Wladimir Osechkin auf. 20 Minuten hat mit dem Gründer von Gulagu.net gesprochen.

Wladimir, wie kam es zu den Aufnahmen? 

Letzten September führten wir ein erstes Interview mit einem Ex-Wagner-Kommandanten, mit Andrej Medwedew. Er beschrieb, wie die Söldner-Truppe eigene Kämpfer tötet, wenn sie nicht in der Ukraine kämpfen wollen. Wir halfen ihm, zu fliehen und politisches Asyl in Norwegen zu beantragen. Das löste etwas aus: Mehrere Wagner-Leute nahmen mit uns Kontakt auf, offen oder anonym. Darunter waren auch Azamat Uldarov und Aleksei Savitchev. 

Wieso sprachen die beiden so offen mit Gulagu.net? 

Beide kamen im normalen Leben nicht zurecht – einerseits, weil sie lange im Gefängnis gewesen waren, andererseits, weil sie nach ihrer Rekrutierung durch die Wagner Gruppe sahen, was im Krieg geschah. Sie wollten Zeugnis ablegen und die Geheimnisse von Wagner offenlegen. 

«Diese Gruppierung ist keine militärische Einheit, sondern eine Terrororganisation.»

Wladimir Osechkin

Wussten sie also, dass sie aufgenommen und ihre Aussagen veröffentlicht werden?

Ja, natürlich, darüber haben wir gesprochen. Wie gesagt, sie haben zu uns Kontakt aufgenommen im Wissen, dass wir ihre Zeugnisse veröffentlichen werden. Sie haben schlimme Dinge getan. Für manche ist es schwierig, mit dem Wissen über solche Taten alleine zu sein. Sie haben das Bedürfnis, zu erklären, was passiert ist. Sie wollen ihr Gewissen erleichtern. Sie verstehen, dass sehr viele Menschen gestorben sind und dass dies ein ungerechter Krieg ist. 

Wieso vertrauen Sie auf die Echtheit der Aussagen der beiden? 

Für uns war sehr wichtig, dass die beiden unabhängig voneinander dieselben deckungsgleichen Ungeheuerlichkeiten erzählten. So wusste Uldarow nicht, dass wir mit Sawitchew gesprochen hatten und umgekehrt. Mittlerweile haben wir drei Ex-Kommandaten, die von den Kriegsverbrechen bei Wagner sprechen. Das ist sehr wichtig für die Anklage gegen Wagner-Chef Jewgenij Prigoschin und andere Wagner-Grössen wie Dimitri Utrin. Wir müssen hieb- und stichfest aufzeigen, dass diese Gruppierung keine militärische Einheit, sondern tatsächlich eine Terrororganisation ist. 

«Udarow wurde gezwungen, in einem Video alles zurückzunehmen.»

Wladimir Osechkin

Uldarow und Sawitchew belasten sich selbst schwer. Ist das nicht lebensgefährlich? 

Sie gehen das Risiko ein, von Wagner entführt und getötet zu werden, ja. Gleichzeitig schützt sie die Öffentlichkeit jetzt auch. Es ist wie beim inhaftierten Oppositionspolitiker Alexei Nawalny. Er lebt nur noch, weil sein Fall so prominent ist. Wenn die beiden also ihre Gesichter zeigen, ist das gleichzeitig auch ein Schutz für sie. Allerdings wurde Udarow von Prigoschins Bodyguard bedroht und gezwungen, in einem Video alles zurückzunehmen. Gestern Morgen hinterliess er mir eine Audionachricht: Er wolle trotzdem weiter mit uns sprechen.   

Hoffen die beiden darauf, dass sie mit Hilfe von Gulagu.net fliehen können?

Nein, sie verlangten keine Hilfe von uns. Sie wollen in Russland bleiben. Und ehrlich gesagt, will ich Kindermördern wie ihnen auch kein Geld für eine Flucht geben.

«Gegen viel Geld und Macht sollte ich meine Untersuchungen einstellen.»

Wladimir Osechkin

Wie kommen Sie an Ihre Informationen?

Wir konzentrieren uns seit über elf Jahren auf Folter und Menschenrechtsverletzungen in Russlands Gefängnissen. Deswegen können wir auf viele Quellen im russischen Gefängnissystem und auf Familien von Häftlingen und ehemalige Insassen als Informanten zugreifen. So konnten wir letztes Jahr belegen, dass Wagner-Chef Prigoschin mit dem Segen Putins seit letztem Herbst Tausende Häftlinge rekrutiert und in den Krieg schickt. 

Sie sind 2015 aus Russland geflohen. Warum?

Ich war 2013/2014 Präsident der Menschenrechtskommission des russischen Parlaments. 2011 hatte ich zudem Gulagu.net gegründet, das Menschenrechtsverletzungen in den russischen Gefängnissen dokumentiert. Als die Krim 2014 annektiert wurde und der Donbass-Krieg begann, verzeichneten wir eine Menge Menschenrechtsverletzungen. Gegen viel Geld und Macht sollte ich meine Untersuchungen einstellen. Als ich ablehnte und weitermachte, stürmten Sicherheitskräfte meine Wohnung, beschlagnahmte alle meine Dokumente und meinen Computer. Sie sagten mir: Du bleibst nur in Freiheit, wenn du mit uns zusammenarbeitest. Doch ich wollte keine Marionette des Putin-Regimes sein, ich wollte meine Familie und unsere Freiheit retten. Am 9. September 2015 verliessen wir Russland. Im Oktober beantragten wir politisches Asyl in Frankreich. Ich bin Frankreich dafür ewig dankbar. Hier gab man mir die Gelegenheit, die Missstände unter Wladimir Putins Regime weiter offenzulegen.

«Es ist das grösste Drama des russischen Volkes, dass unter Putin der Faschismus jetzt von Russland ausgeht.»

Wladimir Osechkin

Haben Sie in Frankreich Angst um Ihr Leben?

Putins Schergen haben zweimal versucht, mich zu töten. Hierzu laufen in Frankreich Ermittlungen. Meinen Quellen zufolge will Wagner-Chef Prigoschin mich bis Ende Jahr tot sehen. Vor zwei Tagen setzte Prigoschin übrigens die Fake News in Umlauf, dass ich gekidnappt und nach Russland zurückgebracht worden sei. Also ja, ich bin ein Ziel des Regimes und der terroristischen Wagner Gruppe. Das sind sehr mächtige Feinde und ich bin mir bewusst, dass ich bis Ende Jahr sehr wohl getötet werden könnte. Meine Familie und meine Freunde sind in grosser Sorge. Aber wir haben keine Wahl. Jeden Tag sterben Menschen, Russen und Ukrainer, und wir müssen etwas dagegen tun. 

Wie können Sie sich schützen?

Ich stehe seit letztem Jahr unter Personenschutz. Doch ich bin kein Supermann mit zehn Leben, sondern nur ein Menschenrechtsaktivist. Ich könnte schweigen und das Leben geniessen, aber wie soll das gehen, wenn jeden Tag Hunderte sterben? Ich muss mein Möglichstes tun und dagegen kämpfen. Wenn sie mich töten, hoffe ich, dass meine Kinder und ihre Kinder verstehen, wieso ich tat, was ich tat. Mein Grossvater hat in der Sowjetarmee gegen die Nazis gekämpft. Er starb in den ersten Monaten, aber er kämpfte gegen den Faschismus. Es ist das grösste Drama des russischen Volkes, dass unter Putin der Faschismus jetzt von Russland ausgeht.

 Wladimir Osechkin: «Ich wollte keine Marionette des Putin-Regimes sein.» 

Wladimir Osechkin: «Ich wollte keine Marionette des Putin-Regimes sein.» 

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Gut zu wissen

Was ist Gulagu.net? 

Gulagu.net ist eine russische Anti-Korruptions- und Menschenrechtsorganisation. Sie wurde 2011 vom russischen Menschenrechtsaktivisten Wladimir Osechkin gegründet. Er war 2015 nach Frankreich geflohen, von wo er die Organisation leitet.

Seit November 2021 fahndet Russland nach Osechkin, nachdem dieser dank russischen Whistleblowern ein umfangreiches Archiv von Dokumenten, Fotos und Videos mit Hunderten von Fällen von Vergewaltigung und Folter von Insassen in russischen Gefängnissen veröffentlicht hatte.

Osechkin nutzt auch eine Reihe anderer Quellen in russischen Gefängnissen und beim russischen Geheimdienst FSB. Auf ihrer Website veröffentlicht Gulagu.net regelmässig Videos von Folter in russischen Gefängnissen und jetzt auch von Kriegsverbrechen im Ukraine-Krieg. Die Organisation unterstützt auch Dissidenten bei der Flucht. Jüngstes Beispiel ist der Ex-Wagner-Kämpfer Andrej Medwedew, der aus Russland floh und in Norwegen Asyl beantragte. 

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