18.08.2018 18:57

Carl Lutz

Er rettete Zehntausende Juden

Während des Zweiten Weltkrieges rettete der Schweizer Diplomat in Budapest Zehntausende Juden. Statt Lob erntete er dafür eine Rüge.

von
jeb
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Ein Mann schaut sich im Februar 2002 in Jerusalem an einer Ausstellung über Carl Lutz Fotos an.

Ein Mann schaut sich im Februar 2002 in Jerusalem an einer Ausstellung über Carl Lutz Fotos an.

Thomas Coex
Carl Lutz verhalf Zehntausenden Menschen im Zweiten Weltkrieg zur Flucht.

Carl Lutz verhalf Zehntausenden Menschen im Zweiten Weltkrieg zur Flucht.

Thomas Coex
Im Oktober 2005 wurde im Beisein der damaligen Aussenministerin Micheline Calmy-Rey (r.) und von Lutz' Stieftochter Agnes Hirschi eine Gedenktafel in Budapest angebracht.

Im Oktober 2005 wurde im Beisein der damaligen Aussenministerin Micheline Calmy-Rey (r.) und von Lutz' Stieftochter Agnes Hirschi eine Gedenktafel in Budapest angebracht.

epa/Barnabas Honeczy

Der Schweizer Diplomat Carl Lutz rettete in Budapest während des Zweiten Weltkriegs Zehntausende Jüdinnen und Juden vor der Deportation in Konzentrationslager. Über zwanzig Jahre lang vertrat Lutz' Stieftochter Agnes Hirschi sein Vermächtnis. Nun kümmert sich eine am Donnerstag in Bern neugegründete Gesellschaft darum. Die Carl-Lutz-Gesellschaft in Bern will bestehende Aktivitäten weiterführen und neue Projekte entwickeln, wie sie in einer Mitteilung schreibt.

Besonders am Herzen liegt der Gesellschaft das Thema Zivilcourage. Mit ihren Projekten will die Carl-Lutz-Gesellschaft insbesondere junge Menschen anregen, dem Vorbild von Lutz nachzueifern.

Oft Thema von Maturaarbeiten

«Carl Lutz hat etwas getan, was eigentlich gegen die Vorschriften war. Es war aber dennoch richtig. Lutz hat geistesgegenwärtig gehandelt und getan, was er für richtig befunden hatte», sagt Gabriela Dömötör, Sprecherin der Gesellschaft, zu 20 Minuten. «Carl Lutz kann ein Vorbild für Junge sein, Zivilcourage zu zeigen und sich zu engagieren.» Das Umfeld der Carl-Lutz-Gesellschaft stelle immer wieder fest, dass sich junge Menschen sehr für die Geschichte des Holocaust und jene von Carl Lutz interessieren. So sei sein Wirken oft Thema von Maturaarbeiten.

«Lutz hatte grosse Unterstützung von seiner Frau Gertrud Lutz-Fankhauser sowie von anderen Diplomaten und vielen freiwilligen Helfern.» Das zeige, dass man gemeinsam viel erreichen könne.

Auch die historische Forschung zu Lutz möchte die Gesellschaft anregen. Dazu kann auch die Frage gehören, ob Lutz Kontakt zu Paul Grüninger hatte, der während des Zweiten Weltkrieges ebenfalls viele Juden rettete, indem er ihnen zur Flucht verhalf. Auch Grüninger wurde für sein Verhalten gerügt, sogar fristlos entlassen. «Rund um Carl Lutz gibt es noch wenig historische Forschung. Wir möchten das ändern und werden versuchen, interessierte Historikerinnen und Historiker so gut wie möglich zu unterstützen», sagt Dömötör.

Interessen der USA vertreten

Der aus dem Appenzellerland stammende Diplomat Carl Lutz war von 1942 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Schweizer Vizekonsul in Budapest. Dort leitete er die Abteilung für fremde Interessen und vertrat damit auch die Interessen von zahlreichen Ländern, die mit Ungarn im Krieg standen, darunter etwa die der USA und Grossbritanniens.

Schutzbriefe vervielfacht

Der aus einem gläubigen Methodisten-Milieu stammende Schweizer verschaffte Zehntausenden Jüdinnen und Juden Schutzpässe und Schutzbriefe, damit diese nach Palästina auswandern konnten. Dies bewahrte sie vor der Deportation.

Von den Nazis konnte Lutz ein Kontingent von 8000 solcher Schutzbriefe einhandeln. Gemeinsam mit weiteren Personen entwickelte Lutz ein richtiges System und stellte ein Mehrfaches des erlaubten Schutzbrief-Kontingents aus. Die Dokumente nummerierte er jeweils von 1 bis 7999. Es gelang dem Schweizer zudem, den diplomatischen Schutz auf nicht weniger als 76 Gebäude in Budapest auszudehnen.

In der Schweiz erst einmal gerügt...

Während Lutz' Wirken im Ausland gewürdigt wurde, hielt sich die Schweiz lange Zeit zurück. Anstatt Lob gab es für den nach dem Krieg in die Schweiz zurückgekehrten Diplomaten zunächst einmal eine Rüge wegen Kompetenzüberschreitung.

Lutz war enttäuscht und verbittert von der Haltung der offiziellen Schweiz. Er starb 1975 und wurde auf dem Berner Bremgartenfriedhof bestattet.

... später ein Sitzungszimmer im Bundhaus nach ihm benannt

1963 verlieh ihm sein Geburtsort Walzenhausen AR das Ehrenbürgerrecht, ein Jahr später ehrte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ihn und seine erste Frau Gertrud Lutz-Fankhauser mit dem Titel «Gerechter unter den Völkern».

Erst Mitte der 1990er-Jahre entsann sich die offizielle Schweiz, wohl auch vor dem Hintergrund des Streits um nachrichtenlose Vermögen, der couragierten Männer und Frauen, die sich selbstlos für die Rettung von Juden eingesetzt hatten. 1995 wurde Lutz postum rehabilitiert.

Im Februar 2018 wurde das grösste Sitzungszimmer im Bundeshaus West nach Carl Lutz benannt.

Dokumentarfilm «Vergissmeinnicht - Carl Lutz, Retter» von Arte (jeb/sda)

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