Kampfsportler im Mascotte schwer verletzt – «Es ist einzig dem Zufall zu verdanken, dass er noch lebt»
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Kampfsportler im Mascotte schwer verletzt «Es ist einzig dem Zufall zu verdanken, dass er noch lebt»

Ein 35-jähriger Mann bestreitet den Tötungsversuch an einem vierfachen Thai/Kickbox-Weltmeister. «Es war Notwehr», sagt er und will einen Freispruch.

von
Stefan Hohler
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Beim Opfer handelt es sich um einen bekannten Kampfsportler. 

Beim Opfer handelt es sich um einen bekannten Kampfsportler.

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Die Polizei war am Dienstagmorgen mit einem grösseren Aufgebot am Zürcher Obergericht und kontrollierte die Anwesenden aufs Genauste.

Die Polizei war am Dienstagmorgen mit einem grösseren Aufgebot am Zürcher Obergericht und kontrollierte die Anwesenden aufs Genauste.

20min/hoh
Vor dem Bezirksgericht Zürich erhielt der Beschuldigte im letzten Jahr wegen versuchter vorsätzlicher Tötung eine Freiheitsstrafe von 9,5 Jahren sowie eine 15-jährige Landesverweisung.

Vor dem Bezirksgericht Zürich erhielt der Beschuldigte im letzten Jahr wegen versuchter vorsätzlicher Tötung eine Freiheitsstrafe von 9,5 Jahren sowie eine 15-jährige Landesverweisung.

20min/hoh

Darum geht es

  • Ein heute 35-jähriger Kosovare ist der versuchten vorsätzlichen Tötung angeklagt.

  • Er soll für 12,5 Jahre ins Gefängnis und für 15 Jahre des Landes verwiesen werden.

  • Der Gipser hat im Zürcher Club Mascotte einem Thai/Kickbox-Weltmeister mit einem Messer dreimal in den Kopf gestochen.

  • Sein Anwalt verlangt einen Freispruch, sein Mandant habe in Notwehr gehandelt.

Eine Schubserei in der Raucherlounge im Club Mascotte beim Zürcher Bellevue endete am frühen Morgen eines Tages im Januar 2018 beinahe mit einem Todesfall. Ein heute 35-jähriger Kosovare stach mit einem Klappmesser dreimal in den Kopf eines Clubbesuchers. Beim Opfer handelt es sich um einen bekannten Kampfsportler. Der 36-jährige Schweizer ist unter anderem vierfacher Thai/Kickbox-Weltmeister. Er verfolgte mit seinem Bruder am Dienstag als Privatkläger den Prozess vor dem Zürcher Obergericht.

Laut Anklageschrift war der Kosovare mit dem Kickboxer zusammengestossen und es kam zu einem Streit. «Hast du ein Problem?», fragte der Beschuldigte, worauf dieser sagte, dass er ein Problem mit seinem Auftreten habe. Als der Kampfsportler einen Schritt auf den Kosovaren zumachte, zückte dieser ein Klappmesser und stach dreimal zu. «Der Sachverhalt stimmt nicht», sagte der beschuldigte Gipser aus dem Kanton Luzern gestern am Prozess.

Vielmehr seien der Kampfsportler und seine drei Kollegen «wie Bulldozer» auf ihn losgegangen und hätten ihm eine Flasche an den Hinterkopf geworfen. «Ich habe mich mit dem Sackmesser verteidigt», benannte er das einhändig bedienbar Klappmesser mit einer acht Zentimeter langen Klinge. «Ich befand mich im Überlebensmodus und hatte keine Chance», sagte er. Auf die Frage des Richters, warum er überhaupt ein Messer in den Ausgang mitnahm, antwortete er ausweichend: «Ich hatte psychische Probleme und fühlte mich bedroht.»

Schuldenberg und viele Vorstrafen

Sein Verteidiger verlangt einen vollumfänglichen Freispruch sowie Entschädigung für die bereits knapp vierjährige Haft. «Der Privatkläger befand sich nicht in Lebensgefahr, mein Mandant hatte keinen Tötungsvorsatz.» Es sei Notwehr gewesen. Der Verteidiger wehrt sich auch gegen eine Landesverweisung. Sein Mandant sei hier aufgewachsen und seine ganze Familie lebe in der Schweiz. In der Untersuchung hatte der Beschuldigte gesagt, dass er bei einer Landesverweisung mit Hilfe der Sterbehilfeorganisation «Dignitas» einen Suizid begehen wolle.

Das Bezirksgericht Zürich hat den Kosovaren im Juli 2020 wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 9,5 Jahren und einer Landesverweisung von 15 Jahren verurteilt. Der Gipser lebt seit seinem zweiten Lebensmonat in der Schweiz. Er hat einen hohen Schuldenberg und delinquierte als Jugendlicher und junger Erwachsener unzählige Male. Laut psychiatrischem Gutachten leidet er unter einer dissozialen Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen Zügen. Es besteht eine deutliche Rückfallgefahr für Gewaltdelikte. Eine Therapie im Gefängnis wurde abgebrochen, weil er sich einer solchen verweigerte.

«Der Beschuldigte hat ohne Rücksicht auf Verluste zugestochen»

Für die Staatsanwältin hat der Beschuldigte mit direktem Vorsatz gehandelt. Sie fordert eine Freiheitsstrafe von 12,5 Jahren und 15 Jahre Landesverweis. Der Anwalt des Opfers will eine Genugtuung von 100’000 Franken. «Es ist einzig dem Zufall und dem Abwehrreflex meines Mandanten zu verdanken, dass er noch lebt.» Der Beschuldigte habe ohne Rücksicht auf Verluste zugestochen, die Notwehrsituation sei konstruiert.

Der Thai/Kickboxer erlitt durch die Abwehrbewegungen dauerhafte Verletzungen und Beeinträchtigungen am linken Arm und der Hand, die Verletzungen am Kopf dagegen waren nur oberflächlich. Er ist dadurch beruflich stark eingeschränkt und hat psychische Probleme sowie Angstzustände, wenn er unter vielen Leuten ist.

Das Obergericht fällte am Dienstagabend noch kein Urteil. Es wird dies den Parteien schriftlich zustellen.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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