Basel: «Er sagte, ich solle Verständnis haben, weil sein Kollege betrunken sei»

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Basel«Er sagte, ich solle Verständnis haben, weil sein Kollege betrunken sei»

Im Ausgang wurde Nino Russano von einem Mann angerempelt und schwulenfeindlich beschimpft. Den Vorfall machte er auf Twitter publik. Solche Vorfälle würden statistisch nicht erfasst und das sei ein Problem, sagt der Präsident der Basler Juso.

von
Lukas Hausendorf
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Nino Russano, Präsident der Basler Juso, wurde am Wochenende homophob beleidigt und beinahe tätlich angegriffen. Er machte den Vorfall danach auf Twitter publik.

Nino Russano, Präsident der Basler Juso, wurde am Wochenende homophob beleidigt und beinahe tätlich angegriffen. Er machte den Vorfall danach auf Twitter publik.

SP BS
Der Vorfall ereignete sich am frühen Sonntagmorgen in der Feldbergstrasse vor einem Kebab-Take-away. Der Typ hatte ihn zuerst angerempelt und dann beleidigt. «Ich musste mir dann anhören, dass ich Verständnis haben muss, da er schliesslich betrunken sei», berichtet Russano.

Der Vorfall ereignete sich am frühen Sonntagmorgen in der Feldbergstrasse vor einem Kebab-Take-away. Der Typ hatte ihn zuerst angerempelt und dann beleidigt. «Ich musste mir dann anhören, dass ich Verständnis haben muss, da er schliesslich betrunken sei», berichtet Russano.

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«Wir hören solche Geschichten, wie die von Nino Russano, immer wieder», sagt Roman Heggli, Geschäftsleiter von Pink Cross, der Dachorganisation der schwulen und bisexuellen Männer in der Schweiz. Bei der LGBT-Helpline von Pink Cross wurden 2021 rund 90 derartige Vorfälle gemeldet.

«Wir hören solche Geschichten, wie die von Nino Russano, immer wieder», sagt Roman Heggli, Geschäftsleiter von Pink Cross, der Dachorganisation der schwulen und bisexuellen Männer in der Schweiz. Bei der LGBT-Helpline von Pink Cross wurden 2021 rund 90 derartige Vorfälle gemeldet.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Der Präsident der Basler Juso Nino Russano wurde am Wochenende homophob attackiert.

  • Der Fall habe keine strafrechtlichen Konsequenzen, dennoch müsse man über solche Vorfälle reden, sagt Russano.

  • Nur ein Bruchteil der Übergriffe auf queere Personen werde gemeldet, heisst es etwa bei Pink Cross, der Dachorganisation der schwulen und bisexuellen Männer in der Schweiz.

Der Präsident der Basler Juso wurde am Wochenende im Ausgang Opfer einer homophoben Attacke. Auf Twitter machte er den Vorfall am Sonntag öffentlich. «Auf meinem Heimweg aus dem Club wurde ich vorhin massiv queerfeindlich beleidigt», schrieb der 22-Jährige. Erst als ihm körperliche Gewalt angedroht worden sei, sei der Begleiter des Angreifers eingeschritten. «Ich musste mir dann anhören, dass ich Verständnis haben müsse, da er schliesslich betrunken sei», berichtet er weiter. 

Die Szene spielte sich vor einem Döner-Take-away in der Feldbergstrasse in den frühen Morgenstunden am Sonntag ab. Russano, in Begleitung eines Freundes, wollte dort auf dem Rückweg vom Club Nordstern nach durchfeierter Nacht einen Kebab holen, als er von einem Typen angerempelt wurde. «Du siehst aus wie eine Schwuchtel.» Er habe verbal reagiert, da sei der Typ zunehmend aggressiv geworden, bis ihn sein Begleiter dann «im letzten Moment» zurückgehalten habe, so Russano. Das lasse sich nicht mit Betrunkenheit entschuldigen. 

«Was mir widerfahren ist, ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem.»

Nino Russano, Präsident Juso Basel-Stadt

In dieser Intensität sei er noch nie angegangen worden. Russano stellt klar: «Verbale Gewalt ist auch eine Form von Gewalt.» Er verstehe auch, warum sich andere überlegten, überhaupt noch in den Ausgang zu gehen oder wie sie sich anziehen. «Solche Vorfälle werden statistisch nicht erfasst, umso wichtiger ist es, dass darüber geredet wird», sagt er. «Was mir widerfahren ist, ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. Es braucht mehr Sensibilisierung in diesem Bereich.»

«Wir hören solche Geschichten, wie die von Nino Russano, regelmässig», sagt Roman Heggli, Geschäftsleiter von Pink Cross, der Dachorganisation der schwulen und bisexuellen Männer in der Schweiz. Bei der LGBT-Helpline von Pink Cross wurden 2021 rund 90 derartige Vorfälle gemeldet. «Das ist aber nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich passiert», sagt Geschäftsleiter Roman Heggli. Er wie auch Russano sind der Meinung, dass es eine niederschwellige Meldeplattform für sogenannte «Hate Crimes» brauchte. Zumal diese von der Polizei noch nicht systematisch erfasst würden. «Wir hören auch immer wieder, dass man von der Polizei nicht ernst genommen wird.»

«Solange man nicht sichtbar queer ist, wird man natürlich weniger angegriffen»

Roman Heggli, Geschäftsführer Pink Cross

Mit der Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm, die am 9. Februar 2020 vom Schweizer Stimmvolk angenommen wurde, kann auch die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität oder Orientierung strafrechtlich geahndet werden. Griffige Massnahmen dagegen würden aber bis heute fehlen, bemängelt SP-Nationalrat Angelo Barrile in seinem Postulat, das im Juni an den Bundesrat überwiesen worden ist. Darin fordert er einen nationalen Aktionsplan gegen LGBTIQ-feindliche «Hate Crimes».

«Solche Angriffe können schwere psychische und physische Folgen haben für die direkten Opfer», weiss Barrile. Er verweist auch auf mehrere Studien, die zeigten, dass solche Angriffe dazu führten, dass «eine zunehmende Anzahl queerer Menschen sich nicht mehr getrauen, sich in der Öffentlichkeit zu erkennen zu geben». Das unterstreicht auch Heggli: «Solange man nicht sichtbar queer ist, wird man natürlich weniger angegriffen. Es darf aber nicht sein, dass wir uns verstecken müssen, um uns sicher in der Öffentlichkeit zu bewegen.»

LGBTIQ: Hast du Fragen oder Probleme?

Hier findest du Hilfe:

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Du-bist-du.ch, Beratung und Information

InterAction, Beratung und Information für intergeschlechtliche Menschen, Tel. 079 104 81 69

Lilli.ch, Information und Verzeichnis von Beratungsstellen

Milchjugend, Übersicht von Jugendgruppen

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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