Gleichstellung: «Er sagte zu mir, ich soll selber putzen»
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Gleichstellung«Er sagte zu mir, ich soll selber putzen»

Sandra Fischer ist Motorgerätemechanikerin. Doofe Sprüche, fehlende Anerkennung und Diskriminierung waren für sie lange Alltag. Deshalb hat sie ein Netzwerk für Frauen in handwerklichen Berufen gegründet.

von
Marino Walser
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Sandra Fischer aus Winterthur ist Motorgerätemechanikerin. Doofe Sprüche, fehlende Anerkennung und Diskriminierung waren für sie im Berufsleben lange Alltag. 

Sandra Fischer aus Winterthur ist Motorgerätemechanikerin. Doofe Sprüche, fehlende Anerkennung und Diskriminierung waren für sie im Berufsleben lange Alltag. 

Privat
«Obwohl die Gesellschaft und auch die Politik für Gleichberechtigung bei der Arbeit kämpfen, ist diese noch längst nicht in allen Berufsgruppen angekommen», sagt Sandra Fischer aus Winterthur.

«Obwohl die Gesellschaft und auch die Politik für Gleichberechtigung bei der Arbeit kämpfen, ist diese noch längst nicht in allen Berufsgruppen angekommen», sagt Sandra Fischer aus Winterthur.

20min/Marino Walser
In ihrem Berufsalltag repariert Fischer beispielsweise Kettensägen. «Fehler im Alltag fielen bei mir stärker ins Gewicht. Ich bekam beispielsweise ‹typisch Frau› zu hören, weil man als Frau von Motoren sowieso nichts versteht.»

In ihrem Berufsalltag repariert Fischer beispielsweise Kettensägen. «Fehler im Alltag fielen bei mir stärker ins Gewicht. Ich bekam beispielsweise ‹typisch Frau› zu hören, weil man als Frau von Motoren sowieso nichts versteht.»

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Darum gehts

In der Gesellschaft gibt es Berufe, die einem Geschlecht zugeordnet werden. Viele sind beispielsweise der Ansicht, dass Kosmetikberufe Frauen ausüben und Männer auf der Baustelle arbeiten.

«Obwohl die Gesellschaft und auch die Politik für Gleichberechtigung bei der Arbeit kämpfen, ist diese noch längst nicht in allen Berufsgruppen angekommen», sagt Sandra Fischer aus Winterthur. Die 26-Jährige ist Motorgerätemechanikerin und wird jeden Tag damit konfrontiert, dass in ihrer Branche immer noch mehr Männer tätig sind als Frauen.

Als Frau müsse sie sich ihre Akzeptanz in der Berufswelt durch qualitativ hochwertige Arbeit erkämpfen. «Verwunderte Blicke oder abwertende Äusserungen aufgrund meines Geschlechts erlebte ich häufig», sagt Fischer. Aufgrund der ständigen Diskriminierung wäre ihr die Freude an ihrem Beruf beinahe abhandengekommen. «Fehler im Alltag fielen bei mir stärker ins Gewicht. Ich bekam beispielsweise ‹typisch Frau› zu hören, weil man als Frau von Motoren sowieso nichts versteht.» Bei Männern sei die Toleranzgrenze höher.

Kein Frauen-WC, geteilte Garderobe mit Männern

Wie gross das Problem der Gleichstellung in handwerklichen Berufen ist, zeigt sich häufig auch in der Infrastruktur: Bei einem ehemaligen Arbeitgeber teilte sie eine gewisse Zeit die Garderobe mit ihren männlichen Mitarbeitern. Erst nachdem sie ihren Mut zusammengenommen und beinahe eine Woche lang immer und immer wieder das Gespräch mit dem Vorgesetzten gesucht hatte, erhielt sie eine Frauenumkleide.

Die Probleme waren damit jedoch noch nicht gelöst. Fischers Garderobe wurde weitaus weniger geputzt als die der Männer. «Als ich das bemerkte und mit der Bitte auf den Abwart zuging, auch meine Garderobe wöchentlich zu putzen, bekam ich die Antwort: ‹Das kannst du doch auch selbst.›» Wieder musste sich die heute 26-Jährige für die Gleichstellung einsetzen.

Laut der Motorgerätemechanikerin haben aber nicht nur ihre ehemaligen Betriebe Nachholbedarf. Andere Handwerksbetriebe seien beispielsweise nicht in der Lage, geschlechtergeteilte WCs anzubieten. «Ich weiss, dass andere Frauen auf Bewerbungen Absagen erhielten, weil beispielsweise keine weiblichen Garderoben oder kein Frauen-WC im Betrieb vorhanden sei», erzählt Fischer.

Bildungsniveau kann auch ausschlaggebend sein

Die Winterthurerin ist über die Jahre zur Ansicht gelangt, dass das Problem der fehlenden Gleichstellung vor allem in handwerklichen Betrieben auszumachen ist. «Dass Gleichstellung in gewissen Betrieben eher unbekannt ist, hat oft auch mit der Ausbildung zu tun», sagt Fischer.

Denn in handwerklichen Betrieben seien ihrer Meinung nach mehr Menschen anzutreffen, die skeptischer gegenüber neuen Gesellschaftsformen sind, als dies beispielsweise in akademischen Berufen der Fall sei. «Je besser die Bildung ist, desto sensibilisierter sind die Arbeitgebenden», sagt Fischer.

Doch sie hat sich in den zehn Jahren, in denen sie den Beruf ausübt, nicht unterkriegen lassen. Ihr jetziger Betrieb zeigt, dass es auch anders geht. Hier spüre sie, dass sie ernst genommen werde – von den Vorgesetzten, Mitarbeitern und auch den Kundinnen und Kunden. Anderen Frauen in der Branche ergehe es nicht so.

Hat das Problem mit der Gleichstellung mit der Berufsbranche zu tun?

Netzwerk für Frauen in handwerklichen Berufen

Deshalb hat Fischer nun das Heft in die eigene Hand genommen. Vor kurzem gründete sie mit ihren Kolleginnen und der Fachstelle Gleichstellung ein Netzwerk für Frauen, die in handwerklichen Berufen tätig sind, aber aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. «Ich will einen Weckruf machen und zeigen, dass die Gleichstellung in dieser Branche noch nicht wirklich vorhanden ist.»

Die Handwerkerin will ihre Erfahrungen im Netzwerk teilen und sich mit anderen Frauen vernetzen und austauschen. Ebenfalls will die Winterthurerin damit eine Anlaufstelle schaffen, damit Betroffene nicht alleine dastehen oder den Schritt nicht in einen handwerklichen Beruf machen. «Ich bin überzeugt, dass es Frauen gibt, die sich von der fehlenden Gleichstellung abschrecken lassen, obwohl sie sehr gerne einen handwerklichen Beruf ausüben würden», sagt Sandra Fischer. 

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, aufgrund der Geschlechtsidentität diskriminiert? 

Hier findest du Hilfe:

Gleichstellungsgesetz.ch, Datenbank der Fälle aus Deutschschweizer Kantonen

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann

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