Aktualisiert 24.07.2011 22:13

Psychologie des Täters«Er sieht sich als Held, als Auserwählter»

Kriminalpsychologe Christian Lüdke versucht das kaltblütige Vorgehen des Attentäters zu erklären. Für ihn ist klar: Anders Behring B. ist immer noch im Tatrausch.

von
Jessica Pfister
«Er sieht sich als Herr über Leben und Tod», sagt Kriminalpsychologe Christian Lüdke über den Attentäter von Oslo.

«Er sieht sich als Herr über Leben und Tod», sagt Kriminalpsychologe Christian Lüdke über den Attentäter von Oslo.

Was für ein Mensch ist Anders Behring B.?

Christian Lüdke: Ein Mensch, der über eine hohe kriminelle Energie verfügt und jeglichen Respekt vor dem Leben verloren hat. Er leidet womöglich an einer Wahnerkrankung. Solche Menschen fühlen sich oft innerlich ohnmächtig, und durch die Ausübung einer Gewalttat wandelt sich diese Ohnmacht in eine Allmacht um. Der Täter versteht sich als Herr über Leben und Tod, als der Auserwählte, der grosse Held der Menscheit.

Die Tat ist also kein Amoklauf?

Nein, bei einem Amoklauf geht es den Tätern darum, ihren Selbstmord zu inszenieren. Entweder erschiessen sie sich selbst oder provozieren die Polizei dazu. Der Attentäter von Oslo hingegen ist der starken Überzeugung, dass es richtig ist, was er tut. Mit extremer Hinterhältigkeit hat er die Tat geplant, indem er zunächst Bomben gezündet hat, um die Polizei auf Oslo zu konzentrieren. Danach konnte er auf der Insel die weitaus schwerwiegendere Tat zu begehen. Jetzt hat er das Gefühl, etwas Grosses getan zu haben.

Warum hat er sich ausgerechnet ein Jugendlager ausgesucht?

Er wollte das Land dort treffen, wo es am verletzlichsten ist und der Gesellschaft möglichst grosse Schmerzen zufügen. Kinder und Jugendliche stehen für die Zukunft Norwegens. Mit dem Töten dieser Kinder wollte er auch die Zukunft Norwegens zerstören.

Glauben Sie an einen bestimmten Auslöser, der ihn zu dieser Tat brachte?

Es war kaum ein einmaliges Schlüsselerlebnis, sondern eine Kombination aus mehreren Ursachen. Diese sind sicher auch in seiner eigenen Familie zu finden und in seinen späteren sozialen Kontakten - auch zu der rechtsextremen Szene. Wahrscheinlich wurde er nicht als diese Person wahrgenommen, die er eigentlich sein wollte. So entwickelte er eine kriminelle Energie im Stile von: Wenn mich die Leute schon nicht lieben, dann sollen sie mich wenigstens hassen.

Der Täter ist besonders brutal vorgegangen und hat über lange Zeit auf seine Opfer geschossen und sie regelrecht hingerichtet. Weshalb hat er kein Mitleid empfunden?

Im Tatrausch hatte er keine Gefühle mehr. Je grösser die Angst in den Augen seiner Opfer war, je lauter sie um Erbarmen geschrien haben, desto grösser wurde sein Machtgefühl.

Inzwischen hat er ein Geständnis abgelegt. Wird er jemals begreifen, welch schreckliche Tat er verübt hat?

Er bleibt sicher noch länger in seinem Rauschzustand. Wichtig ist nun, dass er von der Gesellschaft völlig abgeschottet wird. Er darf nicht mitkriegen, was über ihn geschrieben wird und wie sehr seine Tat das Land Norwegen erschüttert hat. Denn genau das war sein Ziel - anerkannt zu werden.

Hätte man die Tat voraussehen müssen?

Nein, das war nicht möglich. Er war zwar ein Aussenseiter, der in den letzten Jahren den Kontakt zur Gesellschaft verloren hat und ein rechtsextremes Gedankengut entwickelte. Doch damit wird jemand noch lange nicht zu einem kaltblütigen Mörder. Auch optisch wirkt er nicht wie ein brutales Monster, sondern eher wie der jungendhafte sympatische Kumpeltyp. So konnte er sich auch das Vertrauen der Jugendlichen im Camp erschleichen.

Wie gross ist die Gefahr von Nachahmungstätern?

Das Attentat regt sicher die Gewaltfantasien von ähnlich Denkenden an. Ein Blick auf Facebook zeigt, dass es nicht nur Menschen gibt, die das Attentat verabscheuen sondern auch einige, die mit dem Täter sympathisieren. Der Schritt von der Fantasie in die Realität ist dann aber doch ein grosser.

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