Aktualisiert 29.06.2016 12:33

Strafgericht BL«Er tötete, weil er sich gekränkt fühlte»

Vor dem Strafgericht Basel-Landschaft steht seit Montag ein 57-Jähriger, weil er zugibt, seine Schwester umgebracht zu haben. Gerichtspsychiater Josef Sachs hat den Fall eingeschätzt.

von
jd
Am Strafgericht in Muttenz wird am Donnerstag das Urteil des Schwester-Mordes verkündet.

Am Strafgericht in Muttenz wird am Donnerstag das Urteil des Schwester-Mordes verkündet.

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Dem Angeklagten im Mord-Prozess wurde keine psychiatrische Diagnose attestiert. Es scheint unverständlich, wie ein Mensch bei bester psychischer Gesundheit eine solche Tat begehen kann. Sie sind pensionierter Gerichtspsychiater und Forensiker, wie schätzen Sie den Täter ein?

Sachs: Es ist nicht so aussergewöhnlich, dass gesunde Menschen zu Straftätern werden. Der Schluss wird gerne gezogen, dass eine kranke Psyche die Voraussetzung für einen Mord sein muss. Das ist aber falsch. Kriminalität ist keine Krankheit.

Der Mann gibt zu, seine Schwester getötet zu haben, zeigt jedoch nicht den Ansatz von Reuegefühlen. Er ist davon überzeugt, dass es richtig war, was er getan hat. Das ist schwer nachvollziehbar.

Da ist er mitnichten ein Einzelfall. Nur die wenigsten Täter bereuen ihre Tat. Reue kann auch falsch interpretiert werden. Denn oft bereuen Menschen nicht die Tat an sich, sondern den Fakt, dass sie ihr eigenes Leben verbaut oder gar zerstört haben. Bei dem Mann, der seine Schwester umgebracht hat, ist jedoch schon auffallend, dass er nicht mal zu seinem eigenen Vorteil vor dem Richter den Schein erwecken will, dass er das Tötungsdelikt bereut. Das zeigt eine gewisse Kaltherzigkeit.

Wieso wird ein Mensch zum Mörder?

Zwei Voraussetzungen müssen gegeben sein: zum einen ein starkes Tatmotiv. Durch einen Mord zum schnellen Geld kommen, ist ein verbreitetes Motiv. Der Durchschnittsmensch kann einen Mord aus Geldgründen interessanterweise gut nachvollziehen.

Und die zweite Voraussetzung?

Es braucht ein psychologisches Motiv, etwa Hass oder Rache. Das sind sehr extreme Gefühle, die häufiger zu Tötungsdelikten führen als das Geld-Motiv. Mehr als die Hälfte aller Morde in der Schweiz geschehen innerhalb der Familie und werden aufgrund von Gefühlen verübt.

So auch beim 57-Jährigen, der sich laut eigenen Aussagen an seiner Schwester rächen wollte.

In seinem Fall hat ein noch stärkeres Gefühl zur Tat geführt. Er war gekränkt. Erniedrigt und verletzt, weil er seine Mutter pflegen wollte, jedoch nach der Wegweisung nicht mehr konnte. Hinzu kommt, dass er sich in seinen Bedürfnissen nicht ernst genommen fühlte.

Ein nichtiger Grund für einen Mord.

Von aussen gesehen mag das banal sein. Ein objektiv nichtiges Motiv kann in der Wahrnehmung des Täters aber sehr gewichtig sein. Wahrscheinlich spielte die Mutter in seinem Leben eine grosse Rolle.

Was sagt die enge Beziehung zu seiner Mutter über ihn aus?

Er ist nicht unfähig, Gefühle zu zeigen. Er liebte und pflegte sie. Er scheint eine sehr starke Mutterbindung zu haben. Die Trennung von ihr war in seinem Motivgefüge zentral.

Hat er den Mord am Ende für seine Mutter begangen?

Nein. Das hat er für seine eigene Person getan. Es wäre spannend, mehr über die Dreiecksbeziehung der Mutter, des Täters und seiner Geschwister zu erfahren. Das ist natürlich sehr spekulativ, aber diese Konstellation könnte schon in der Vergangenheit, lange vor der Tat konfliktbehaftet gewesen sein.

Eine schwieriger, langjähriger Bruder-Schwester-Konflikt, der schliesslich eskaliert und mit einem Mord endet?

In etwa so. Es gibt Menschen, die stecken Kränkungen über Jahre hinweg weg. Sie schlucken die Sticheleien herunter und sammeln sie wie Rabatt-Marken. Irgendwann ist das Buch voll und sie sehen sich dazu berechtigt, es einzulösen. Das könnte beispielsweise eine mögliche Vorgeschichte des Mordes in Aesch gewesen sein. Aber wir kennen sie nun mal nicht und darum wirkt der Mord auf uns noch befremdlicher.

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