Terroranschlag in Norwegen - «Er tötete wohl mit Pfeil und Bogen, weil er nicht an Schusswaffen kam»
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Terroranschlag in Norwegen«Er tötete wohl mit Pfeil und Bogen, weil er nicht an Schusswaffen kam»

Ein zum Islam konvertierter Extremist tötete in Norwegen mit Pfeil und Bogen fünf Menschen. Gewaltforscher Dirk Baier über die Gefahr von Einzeltätern und die ungewöhnliche Wahl der Waffe.

von
Daniel Graf
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Dirk Baier ist Gewaltforscher an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Im Interview spricht er über den Terroranschlag in Norwegen. 

Dirk Baier ist Gewaltforscher an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Im Interview spricht er über den Terroranschlag in Norwegen.

ZHAW
Espen B. tötete und verletzte am Mittwochabend in einer Kleinstadt mit Pfeil und Bogen mehrere Menschen.

Espen B. tötete und verletzte am Mittwochabend in einer Kleinstadt mit Pfeil und Bogen mehrere Menschen.

Der Täter war bereits vor dem Anschlag polizeibekannt. Wie ehemalige Nachbarn berichten, kam es im Sommer letzten Jahres zu zwei Polizeieinsätzen beim Täter.

Der Täter war bereits vor dem Anschlag polizeibekannt. Wie ehemalige Nachbarn berichten, kam es im Sommer letzten Jahres zu zwei Polizeieinsätzen beim Täter.

Reuters/Terje Pedersen

Darum gehts

  • Am Mittwochabend tötete in Norwegen Espen B.* fünf Menschen mit Pfeil und Bogen.

  • Die Polizei geht von einem Terroranschlag aus – B.* war zum Islam konvertiert und hatte sich radikalisiert.

  • Gewaltforscher Dirk Baier spricht im Interview über die Gefahr von radikalisierten Konvertiten – und erklärt, weshalb wir auch in Zukunft mit solchen Taten rechnen müssen.

Norwegen wurde am Mittwochabend von einem Anschlag geschockt: Mit Pfeil und Bogen tötete der mutmassliche Täter Espen B.* in der Kleinstadt Kongsberg fünf Personen. B. war zum Islam konvertiert, die Polizei geht deshalb von einem terroristischen Anschlag aus. Jugendfreunde sagten später, sie hätten die Polizei schon seit 2017 vor B. gewarnt. Der Gewaltforscher Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ordnet die Tat ein.

Herr Baier, wie kommt es so weit, dass ein Westeuropäer wie B. im Namen des Islam Menschen tötet?

Der Einzelfall muss natürlich jetzt sauber aufgearbeitet werden. Wir wissen aber, dass die Gefahr, in den Extremismus abzugleiten, bei Konvertiten höher ist. Und dass das in der Regel ein längerer Prozess ist. Die späteren Täter fühlen sich zuerst an den Rand der Gesellschaft gedrängt, sie verspüren in ihrem Leben eine gewisse Bedeutungslosigkeit. Die Konversion, beispielsweise zum Islam, gibt ihrem Leben eine Richtung vor und eine Bestimmung. Dazu kommen dann die Feindbilder und die Gewalt, welche etwa im Islamismus eine Rolle spielen. Die Täter denken sich: «Jetzt bin ich jemand, jetzt habe ich eine Bestimmung – jetzt muss ich aber auch danach handeln.»

Geschieht diese Radikalisierung alleine oder über soziale Kontakte?

Es wird viel über diese «Lonely Wolf»-Theorie spekuliert, also darüber, ob eine Radikalisierung alleine und ausschliesslich über das Internet funktioniert. Ich bin der Meinung, dass es für den Schritt vom Gedankengut hin zur Tat mehr braucht, als nur das Internet. Das sind heute meist kleine Netzwerke an engen Vertrauten, die einen radikalisierten Konvertiten bestärken und überzeugen, zur Waffe zu greifen.

Ungewöhnlich ist, dass B. die Menschen mit Pfeil und Bogen tötete.

Das ist in der Tat sehr speziell. Für mich spricht das einerseits dafür, dass es zunehmend schwieriger wird, an Schusswaffen zu kommen, wenn man nicht über die entsprechenden Kontakte verfügt. Ich vermute ausserdem, dass B. im Verein mit Pfeil und Bogen geschossen hat. Die Tat zeigte, dass er eine gewisse Expertise hatte – es ist nicht einfach, mit Pfeil und Bogen fünf Menschen zu töten.

Welche Gefahr geht für Westeuropa von konvertierten Extremisten aus?

Man wird solche schrecklichen Taten nie gänzlich verhindern können. Es ist aber wichtig, dass Konvertiten nicht allgemein stigmatisiert werden. Ich habe den Eindruck, dass Extremisten – egal, ob Islamisten oder Rechtsextremisten – vermehrt in kleinen Netzwerken operieren. Das macht sie viel weniger fassbar und kontrollierbar und führt zu Einzeltaten wie jener in Norwegen. Auch in der Schweiz hatten wir vor nicht allzu langer Zeit zwei vergleichbare Taten, ein Tötungsdelikt in der Westschweiz und eine Messerattacke in Lugano. Wir werden wohl auch in Zukunft mit der Gefahr leben müssen, dass solche Taten verübt werden. Es ist aber auch klar, dass es sich nicht um ein Massenphänomen handelt: Im westeuropäischen Raum wird jedes Jahr nur eine Handvoll solcher Anschläge verübt.

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