Aktualisiert 26.10.2016 10:46

Pfarrer aus PfungenEr verliess seine Schäfchen und hilft im Irak

Andreas Goerlich hat seine Kirchgemeinde verlassen, um im Nordirak zu helfen. Während er auf Flüchtlinge aus Mosul wartet, wird sein Engagement daheim nicht nur positiv gesehen.

von
Ann Guenter
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Pfarrer Andreas Goerlich im interreligiösen Flüchtlingscamp in Dawdia. Er wartet hier auf die Flüchtlinge aus der umkämpften Millionenstadt Mosul, doch «alle Bewohner sind eingesperrt, sie können die Stadt nur über eine der fünf verminten Brücken verlassen».

Pfarrer Andreas Goerlich im interreligiösen Flüchtlingscamp in Dawdia. Er wartet hier auf die Flüchtlinge aus der umkämpften Millionenstadt Mosul, doch «alle Bewohner sind eingesperrt, sie können die Stadt nur über eine der fünf verminten Brücken verlassen».

(Bild: Ann Guenter/20Minuten)
Der Pfarrer organisiert hier unter anderem ein Fussballturnier, in dem Flüchtlinge aus verschiedenen Camps und Einheimische aus mehrere Dörfern in durchmischten Gruppen gegeneinander antreten. Beim Besuch von 20 Minuten herrscht Anspannung unter den Zuschauern.

Der Pfarrer organisiert hier unter anderem ein Fussballturnier, in dem Flüchtlinge aus verschiedenen Camps und Einheimische aus mehrere Dörfern in durchmischten Gruppen gegeneinander antreten. Beim Besuch von 20 Minuten herrscht Anspannung unter den Zuschauern.

(Bild: Ann Guenter/20Minuten)
Als das erste Goal fällt ...

Als das erste Goal fällt ...

(Bild: Ann Guenter/20Minuten)

Die Kirchgemeinde Pfungen bei Winterthur ist gespalten. Stein des Anstosses ist ausgerechnet der Gemeindepfarrer, Andreas Goerlich. Er verliess seine Schäfchen nach fünf Jahren, um für zwei Jahre in den Irak zu ziehen und dort humanitär tätig zu sein. Wasser predigen und Wein trinken, ist seine Sache nicht: «Ich will das Christentum leben, nicht nur davon reden», sagt er.

Dennoch steht in den Sternen, ob er in Pfungen wieder als Pfarrer tätig sein kann. Die Kirchenpflege hat sich laut dem «Landboten» indirekt gegen seine Rückkehr ausgesprochen. Man hätte sich gewünscht, dass Goerlich sich für die Kirchgemeinde konstant und gleich stark eingesetzt hätte wie für seine Auslandsprojekte, hiess es. Der Pfarrer würde daheim für Aufbauarbeit gebraucht, sollte es zur Kirchenfusion mit der Gemeinde Dättlikon kommen.

Der Schweizer Verein Khaima setzt sich für die Hilfe zur Selbsthilfe in Syrien und im Nordirak sowie für das interreligiöse Zusammenleben ein. Auf Khaima.ch gibt es einen Überblick über Projekte und Spendemöglichkeiten. Angaben zum Girokonto der Post: 89-268661-5,Evangelische Kirchgemeinde Pfungen,Syrienhilfe A. Goerlich,8422 Pfungen, CH20 0900 0000 8926 8661 5

Doch nicht alle Kirchgänger sehen das so. Einige stellen sich hinter den Pfarrer. Der habe die Menschen erreicht und zur Mithilfe mitgerissen, und «das ist mir im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben wichtiger als Bürokratie», so ein Votum aus der jüngsten Kirchgemeindeversammlung.

«Nebeneinander wie einst»

Das ist ganz im Sinn des umtriebigen 51-Jährigen, der sich gerne als Networker bezeichnet. Und das ist er auch: Wo die grossen Hilfswerke sich in aufwändiger Bürokratie und teuren Sicherheitsaufwendungen zu verlieren scheinen («Wieso muss das UNHCR hier in brandneuen Autos herumfahren?», fragt sich der Pfarrer etwa), betreibt Vater Andreas Effizienz im Kleinen. Wie ein Hansdampf in allen Gassen, arbeitet er an mehreren kleinen Projekten gleichzeitig und versucht, die Arbeit kleinerer NGOs sowie Menschen aller Religionen und Konfessionen zusammenzuführen.

So wie im Flüchtlingscamp Dawdia in der Nähe der Provinzhauptstadt Dohuk. Der Schweizer Verein Khaima (zu Deutsch schützendes Zelt) betreibt dieses zusammen mit einer jesidischen und einer muslimischen NGO. Flüchtlinge aus verschiedenen Religionsgruppen leben hier friedlich nebeneinander. «Das Ziel ist es, dass sie nicht nur nebeneinander, sondern wie einst wieder miteinander leben», sagt Pfarrer Andreas.

Grosszügige Muslime, geschäftstüchtige Christen

Als 20 Minuten ihn Ende September in Dawdia besucht, ist er ganz in seinem Element: Er organisiert ein riesiges Fussballturnier, in dem Flüchtlinge aus verschiedenen Camps und Einheimische aus mehrere Dörfern in gemischten Gruppen gegeneinander antreten. «Wir haben sogar Trikots besorgt, damit sich die Kids auch später an etwas festhalten können. Das Langzeitprojekt wird ein Fussballstadion sein, das die Flüchtlinge selbst bauen. Die Leute in den Camps müssen etwas tun. Sonst wird man doch wahnsinnig.»

Allerdings trifft der Pfarrer nicht nur auf Nächstenliebe: Während die muslimischen Dörfer ihre Fussballplätze den Flüchtlingen gratis zur Verfügung stellen, verlangt das Oberhaupt eines christlichen Dorfes umgerechnet zehn Dollar pro Spiel. Statt sich in langen Erklärungen zu versuchen, führt der Pfarrer 20 Minuten direkt zum Verantwortlichen. Dieser, sichtlich unangenehm berührt, erklärt langatmig, dass man das Geld für den Unterhalt des staubigen Platzes, für Wasser und für das Licht brauche. Aber mehr als zehn Dollar werde man für den Platz sicher nicht verlangen.

«Gut», meint Vater Andreas auf dem Weg zurück nach Dohuk und grinst breit. «Jetzt hat er sich öffentlich und sogar gegenüber der ausländischen Presse festgelegt. Mit dem Preis kann er jetzt nicht mehr hochgehen, ohne sein Gesicht zu verlieren.» Der italienische Rebellenpriester Don Camillo hätte an Goerlich seine wahre Freude gehabt.

Warten auf die Flüchtlinge von Mosul

Dem pragmatischen Pfarrer nimmt man ab, dass er schnell und unbürokratisch helfen will. Er arbeitet mit der kleinen Schweizer NGO Aramaic Relief zusammen, das diesen Herbst auch Decken ins Flüchtlingslager Dawdia bringt. Oder er richtet Nähateliers für Witwen der vom IS getöteten Männer ein, damit sie längerfristig ein Einkommen haben und somit sozial geachtet werden. Oder er organisiert Abende unter dem Motto «Listening to Neighbours» («Den Nachbarn zuhören»), wo sich Christen, Jesiden und Muslime austauschen sollen, um das starke Misstrauen zu überwinden, das die Terrormiliz «Islamischer Staat» zwischen den Religionsgruppen säte. «Flüchtlinge müssen lernen, sich selbst zu helfen und auf eigenen Beinen zu stehen. NGOS sollten nicht einfach das Notwendigsten bringen, langfristig ist so niemandem geholfen»

Derzeit bereitet sich Vater Andreas auf die erwarteten Flüchtlinge aus der umkämpften Millionenstadt Mosul vor. «Alle Bewohner sind eingesperrt, sie können die Stadt nur über eine der fünf verminten Brücken verlassen.» Da die Christen bereits geflohen und in Camps und den umliegenden, bereits befreiten Dörfern untergekommen sind, rechnet der gelernte Seelsorger vor allem mit sunnitischen Flüchtlingen aus Mosul.

«Pulswärmer sind schon jetzt der Renner»

Diese müssen, das bestätigten auch mehrere kurdische Generäle, erst einen aufwendigen Screening-Prozess durchlaufen, bevor sie in den Camps unterkommen. «Alle werden ja nun verdächtigt, vom IS während zweier Jahre einer Gehirnwäsche unterzogen worden zu sein und Anschläge zu planen», sagt der Pfarrer. «Auf der anderen Seite haben die geflüchteten Christen und Jesiden klar gesagt, sie würden nie mehr nach Mosul zurückkehren, das Vertrauen sei kaputt.»

Jetzt steht auch noch der Winter vor der Tür. «Wir brauchen Decken, Medikamente, Nahrungsmittel und warme Kleidung», sagt der Pfarrer nur kurz und knapp. Er erzählt lieber von der Hilfe, die er bereits erfährt. «Eine Drogerie in Pfungen schickt uns Taschenwärmer. Wissen Sie, diese Dinger, die man schütteln und in Hosentaschen oder Schuhe stecken kann. Und die gestrickten Pulswärmer von den Kindern aus Pfungen sind schon jetzt der Renner im Camp.»

«Der da oben» und die Pfarrwahlkommission

Sein Enthusiasmus dürfte noch ein paar Mal geprüft werden. «Der da oben wird es richten», meint der unerschütterliche Goerlich. Richten muss es aber auch die Gemeinde Pfungen. Die Kirchenpflege konnte sich noch nicht dazu entschliessen, ihn nach zwei Jahren als Pfarrer wieder willkommen zu heissen. Sie lässt eine Pfarrwahlkommission über seine Rückkehr entscheiden.

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