Bezirksgericht Zürich: Drogenhändler vor Gericht – «Ich wünsche mir eine zweite Chance»
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Bezirksgericht ZürichDrogenhändler vor Gericht – «Ich wünsche mir eine zweite Chance»

Ein Techniker soll innerhalb von zwei Jahren 144 kg Kokain verkauft und einen Gewinn in Millionenhöhe gemacht haben. Der Staatsanwalt verlangt eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren.

von
Stefan Hohler
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Vor dem Bezirksgericht stehen zwei Schweizer, die mit 144 kg und 50 kg Kokain gehandelt haben sollen. 

Vor dem Bezirksgericht stehen zwei Schweizer, die mit 144 kg und 50 kg Kokain gehandelt haben sollen. 

20min/Taddeo Cerletti
Die beiden Männer sind teilgeständig, sie hätten aber mit viel kleineren Mengen gehandelt, als der Staatsanwalt schreibt.

Die beiden Männer sind teilgeständig, sie hätten aber mit viel kleineren Mengen gehandelt, als der Staatsanwalt schreibt.

hoh
Das Gericht wird das Urteil am Freitag fällen. Der Staatsanwalt fordert für die beiden Männer 16 und acht Jahre. 

Das Gericht wird das Urteil am Freitag fällen. Der Staatsanwalt fordert für die beiden Männer 16 und acht Jahre. 

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Darum gehts

Der 37-jährige Schweizer mit Wurzeln aus dem Balkan befindet sich bereits seit vier Jahren im vorzeitigen Strafvollzug im Gefängnis. Die Vorwürfe sind happig: Er soll zwischen Frühling 2016 bis zu seiner Verhaftung im Mai 2018 einen regen Kokainhandel betrieben haben. Der Staatsanwalt bezeichnete ihn am heutigen Prozess vor dem Bezirksgericht Zürich als Kopf einer sechsköpfigen Dealergruppe: «Der Beschuldigte war einer der grössten Drogenhändler in der Schweiz.» Er habe insgesamt 144 Kilogramm Kokain verkauft. Der Reinheitsgrad war mit 90 Prozent sehr hoch. Neben dem Hauptbeschuldigten stand noch ein Komplize vor Gericht: Der 31-jähriger Schweizer wird beschuldigt, mit 50 kg Kokain und 120 kg Haschisch gehandelt zu haben.  Der Staatsanwalt forderte für die beiden Männer Freiheitsstrafen von 16 und acht Jahren.

«Wurde von Mister X gezwungen»

Am Prozess verneinte der Hauptbeschuldigte die Rekordmenge: «Es waren nur sieben Kilogramm.» Jeder der anderen Dealer habe seine eigenen Kunden gehabt und auf eigene Rechnung gehandelt. «Ich war nicht der Chef der Gruppierung, ich habe nur Kontakte mit Käufern hergestellt», sagte er. Er sei mit 45’000 Euro bei einem Serben aus München – er nannte ihn Mister X – verschuldet gewesen. Dieser habe ihn gezwungen, Kokain in der Schweiz zu verkaufen. So sei er ins Drogengeschäft geraten. Das sah der Staatsanwalt ganz anders: «Es gab keine Notlage, er wollte nur schnell viel Geld verdienen.»

Der Handel verlief laut Anklage zu einem grossen Teil in einem Spezialitätenrestaurant mit Shisha-Bar in der Zürcher Innenstadt. Das Lokal, welches von seiner damaligen Lebenspartnerin geführt wurde, war von der Polizei verwanzt und die Telefonate abgehört worden. So sagte die Frau in einem abgehörten Gespräch mit einem Bekannten: «Er ist in Zürich der grösste Kokainhändler.» Das ehemalige Escortgirl ist bereits zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Sie ist und war inzwischen als Influencerin, Reality-TV-Teilnehmerin und Onlineshop-Betreiberin tätig. In einem anderen abgehörten Telefonat hatte der zweite Beschuldigte über den Chef der Dealergruppe gesagt: «Er lebt wie ein König.»  

Geldwäscherei in Millionenhöhe

Neben dem Drogenhandel sind die beiden Männer noch der Geldwäscherei angeklagt. Der Hauptbeschuldigte habe mit dem Handel einen Gewinn von 3,4 Millionen Franken erzielt. Er soll damit seinen Lebensunterhalt mit monatlich 15’000 Franken bestritten und der damaligen Partnerin und Betreiberin des Restaurants pro Monat jeweils 10’000 Franken bezahlt haben. Den Grossteil der Beute in der Höhe von 2,8 Millionen Franken soll er ins Ausland transferiert haben. «Stimmt alles nicht, es war nur ein Gewinn von 30’000 Franken», sagte der 37-Jährige. Auch sein Komplize bestritt, einen Gewinn von über einer halben Million Franken gemacht zu haben und sprach von knapp 50’000 Franken. Der gelernte Spengler will nur mit weniger als einem Kilogramm Kokain und 33 kg Gras gedealt haben.

Die Anwältin des 37-Jährigen sprach von abenteuerlichen Hochrechnungen und reinen Spekulationen, welche die Staatsanwaltschaft bezüglich der Drogenmenge gemacht hat. «Mein Mandant ist nicht der Drogenbaron, wie ihn der Staatsanwalt darstellt.» Er habe sich lediglich am Drogenhandel in der Höhe von mehreren Kilogramm beteiligt, eine Strafe von maximal viereinhalb Jahren sei angebracht. Er sei vom unbekannten Mister X aus München massiv eingeschüchtert worden. «Zwei Männer mit Pistolen bedrohten ihn im Restaurant seiner Freundin.»

Von Polizei unter Druck gesetzt?

Die Verteidigerin kritisierte die Ermittlungsbehörden. «Polizei und Staatsanwalt sind voreingenommen an den Fall herangegangen.» Die Polizei habe die anderen verhafteten Mitglieder der Drogenbande unter Druck gesetzt. Wenn sie ihren Mandanten nicht belasten würden, drohe ihnen lange Freiheitsstrafen. So sei einem Dealer eine Strafmilderung versprochen worden, wenn er ihren Mandanten massiv belasten würde. «Diese Strategie ist voll aufgegangen», sagte die Anwältin. Ihr Antrag zu Beginn des Prozesses, zwei bereits verurteilte Mitglieder der Drogenhändlerbande als Zeugen aufzubieten, lehnte das Gericht aber ab: «Ein unzulässiger Druck ist für das Gericht nicht ersichtlich», begründete der vorsitzende Richter.

Auch der Anwalt des Komplizen kritisierte den Staatsanwalt scharf und sprach von einer kontaminierten Strafuntersuchung. «Mein Mandant wurde fälschlicherweise zu einem Grossdealer stilisiert.» Der ihm vorgeworfene grosse Handel an Kokain und Haschisch sei durch die Aussage eines weiteren Bandenmitglieds zustande gekommen. «Dieser Mann hat ihn absichtlich falsch belastet.» Der Verteidiger forderte für den 31-Jährigen eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren.

Am Ende der eineinhalbtägigen Verhandlung gaben sich die beiden Beschuldigten reuig: «Ich wünsche mit eine zweite Chance», sagte der 37-Jährige und sein Komplize entschuldigte sich «aus tiefstem Herzen». Das Gericht wird heute noch kein Urteil fällen, es gebe einen erheblichen Beratungsbedarf wie der vorsitzende Richter sagte. Wann das Urteil eröffnet wird, ist noch offen.

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