Vierfachmord von Annecy: «Er war Schweisser, kein Atomforscher»
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Vierfachmord von Annecy«Er war Schweisser, kein Atomforscher»

Zwei Monate nach dem Vierfachmord bei Annecy reden zum ersten Mal Angehörige des französischen Radfahrers Sylvain Mollier. Er sei niemals das Ziel des Attentäters gewesen, sagen sie.

von
ann

Brutal wurden der britisch-irakische Ingenieur Saad al-Hilli, seine Frau und seine Schwiegermutter vor zwei Monaten in den französischen Alpen hingerichtet. Ein weiteres Opfer des Schützen war der französische Radfahrer Sylvain Mollier. Nun melden sich Verwandte des getöteten Franzosen zu Wort. Sie wollen jegliche Mutmassungen, er sei das Ziel der Schüsse gewesen, im Keim ersticken.

Denn jüngste Berichte haben offenbart, dass er mit fünf Schussverletzungen gefunden wurde - mehr als alle anderen Opfer. Zudem wurde behauptet, er sei als erster erschossen worden.

Metallfabrik gehört Atomkonzern

«Er war ein sehr aufrichtiger Mann, der in normalen Verhältnissen lebte», sagte seine Tante Suzanne Ginolin gegenüber dem brittischen «Telegraph». Sylvain Mollier ist Vater von drei Kindern. Zwei Söhne sind aus erster Ehe. Mit seiner neuen Freundin hat er einen weiteren Sohn. Das Kind wurde wenige Monate vor seiner Ermordung geboren.

Die Cezus-Metallfabrik, bei der Mollier angestellt ist, gehört zum Atomkonzern Areva. Dies führte zu Spekulationen, Mollier könnte an hoch geheimen Projekten beteiligt gewesen und darum umgebracht worden sein.

«Unmöglich», sagt ein Cousin, der seinen Namen nicht nennen will. «Sylvain hat nicht einmal studiert. Er war ein Schweisser, kein Atomforscher.»

Familie war auf Besichtigungsrundfahrt und machte Fotos

Laut Staatsanwalt Eric Maillaud, der die Untersuchung leitet, ermittelt die Polizei immer noch in alle Richtungen. Man sei aber noch weit davon entfernt, ein Tatmotiv oder die beabsichtigten Opfer benennen zu können. Alle möglichen Szenarien, die bisher erwogen wurden, hätten ihre Schwächen.

Klar ist nur: Die vier wurden von einer Person erschossen. Der Attentäter verwendete dabei eine Luger Parabellum, die bis 1949 als Schweizer Armeepistole diente. Der Schütze hinterliess zudem Patronenhülsen und eine Zeugin: Die 7-jährige Tochter der Familie Al-Hilli.

Unwahrscheinlich scheint, dass sich Vater Saad Al-Hilli gezielt mit seinem Killer auf dem abgelegenen Waldparkplatz getroffen hat. Ausgeschlossen wird aber auch, dass die Familie dorthin gelockt wurde. Denn sie sind offenbar in der Gegend hin- und hergefahren und haben immer wieder angehalten, um Fotos zu machen. Auf der Digitalkamera im Auto wurden unter anderem Bilder der Familie gefunden, auf der alle lächelnd vor einem blumenüberwachsenen Bauernhaus aus Stein stehen.

Iraker hätten ihn in ihr Heimatland gelockt

Eine der möglichen Spuren ist nach wie vor der Erbstreit von Saad mit seinem Bruder. Der Vater hatte seinen Söhnen das 1 Million englische Pfund teure Haus in Claygate, Surrey, und viel Bargeld auf einem Schweizer Konto hinterlassen. Saad Al-Hilli lag deswegen mit seinem älteren Bruder Zaid im Streit und beide kommunizierten nur noch über den Rechtsanwalt. In der Verwandtschaft bezweifelt man aber, dass dieser Streit zu den Tötungen geführt hat. Zaid selbst wies von Anfang an jegliche Schuld von sich.

Den Mutmassungen, wonach der Vater von Saad Al-Hilli auf dem Schweizer Bankkonto Gelder des ehemaligen irakischen Herrschers Saddam Hussein versteckte, schenken die französischen Ermittler nicht viel Glauben. Hätte man Al-Hilli umbringen wollen, hätte man ihn in den Irak gelockt und nicht in den französischen Alpen erledigt, heisst es aus inoffiziellen Kreisen.

«Die Wahrheit wird wohl nie ans Licht kommen»

Ein weiteres Szenario: Ein Geisteskranker erschoss die Familie und den Velofahrer grundlos. Behauptet wird auch, dass die Gegend bei Annecy als geheimes Waffenversteck für die baskische Untergrundorganisation diente. Darum überprüft man, ob die Al-Hillis und Sylvain Mollier Zufallsopfer sind und mitten in eine kriminelle Operation stolperten.

Aufgrund der vielen unbeantworteten Fragen scheint die Polizei tatsächlich noch völlig im Dunkeln zu tappen. In Ugine, der Heimatstadt Molliers, bezweifelt man darum, dass die Wahrheit je ans Licht kommt.

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