27.02.2019 04:48

Etienne Kuhn

Er will die Schweiz von den Pestiziden befreien

Bürger um den Neuenburger Etienne Kuhn wollen synthetische Pestizide verbieten. So tickt der Kampagnenchef, der bisher nie politisch aufgefallen ist.

von
P. Michel
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Der 45-Jährige Etienne Kuhn kämpft als Kampagnenchef der Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» an vorderster Front gegen das «pure Gift», wie er es nennt.

Der 45-Jährige Etienne Kuhn kämpft als Kampagnenchef der Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» an vorderster Front gegen das «pure Gift», wie er es nennt.

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Zusammen mit sechs Mitstreitern hat er ein Bürgerkomitee aufgebaut und 121'000 Unterschriften gesammelt.

Zusammen mit sechs Mitstreitern hat er ein Bürgerkomitee aufgebaut und 121'000 Unterschriften gesammelt.

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Bereits ein Jahr vor der Abstimmung setzt Kuhn alles auf seine Mission. Er hat seinen Job als Key Account Manager bei Sony Music aufgegeben.

Bereits ein Jahr vor der Abstimmung setzt Kuhn alles auf seine Mission. Er hat seinen Job als Key Account Manager bei Sony Music aufgegeben.

Keystone/Peter Klaunzer

Vor drei Jahren wusste Etienne Kuhn noch nichts über Pestizide. Nichts darüber, dass sie ins Trinkwasser gelangen. Nichts darüber, dass sie angeblich Krebs auslösen. Nichts darüber, dass sie den Orientierungssinn von Honigbienen stören.

Zwar kümmerte sich der 45-Jährige aus einem kleinen Neuenburger Städtchen, das er aus Angst vor negativen Reaktionen nicht nennen will, um seine Gesundheit. Er spielte Tennis oder Fussball und kaufte gelegentlich Lebensmittel aus der Region. Doch über die Folgen der Pestizide oder Pflanzenschutzmittel, wie sie Bauernvertreter nennen, machte er sich kaum Gedanken.

«Pestizide sind pures Gift»

Wenn er heute Ende Februar entlang des Neuenburgersees spaziert und das Wort «Pflanzenschutzmittel» hört, verlangsamt sich sein ohnehin schon gemächliches Tempo, bis er schliesslich ganz stehen bleibt – als wolle er dem, was er sagen möchte, besondere Betonung schenken: «Pestizide sind Gift, pures Gift. Wer glaubt, das seien harmlose Zusatzstoffe, der ist verrückt.»

Was ist mit dem Mann im schwarzen Jackett und blauen Schal, der im August seinen Job bei Sony Music gekündigt hat, um sich für die Volksinitiative «Für ein Verbot von synthetischen Pestiziden» einzusetzen, passiert? Wie kommt es, dass er sich als bisher apolitischer Bürger nun an einem Mittwochnachmittag bei strahlendem Wetter und wunderbarer Sicht auf den See gegen das Pestizid-Geschäft und das allgemeine Greenwashing in Rage redet?

Am Anfang war die Analyse

Der Grund dafür liegt in einer Analyse, die der ausgebildete Marketingfachmann mit seinen sechs Mitstreitern im Herbst 2016 erstellt hat. Nachdem er in den Medien über den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft gelesen hatte, griff er zum Telefon und klapperte alle Experten zum Thema in der Region ab: Bauern, Politiker, Wissenschaftler, gar einen Nobelpreisträger. «Das war frech, aber ich hatte drei Möglichkeiten: mich über das Gift beklagen, es schönreden oder aktiv werden», sagt Kuhn.

Die Analyse, die er, wie er sagt, ganz nach trockenen marktwirtschaftlichen Kriterien aufgegleist hatte, sollte zwei Fragen klären. Erstens: Kann die Schweiz ihre Lebensmittel ohne synthetische Pestizide produzieren, und ist die Versorgungssicherheit dann gewährleistet? Zweitens: Haben wir das Wissen und die Technologie, das auch effizient umzusetzen?

Initiant fährt Auto und isst Fleisch

Das Fazit des Bürgerkomitees: Ein Umbau des Landwirtschaftssystems, das auf synthetischen Pestiziden beruht, ist möglich – und zwar innert zehn Jahren. Darauf bauten sie den Text ihrer Volksinitiative auf, den das Komitee vergangenen Mai mit 121'000 Unterschriften einreichen konnte. Der Initiativtext sieht vor, dass der Einsatz von synthetischen Pestiziden in der Schweizer Landwirtschaft verboten wird. Auch der Import von mit diesen Mitteln behandelten Lebensmitteln wäre verboten.

Dass der «freche» Aktivismus eines Einzelnen zu einer erfolgreichen Unterschriftensammlung geführt hat, liegt vielleicht auch an seinem Auftreten: Er sei nicht grüner und nicht moralischer als jeder andere auch, sagt er. Kuhn ist die Antithese zum ökologischen Gutmenschen, der anderen seine moralische Überlegenheit vorhält. Er fährt Auto, isst einmal pro Woche rotes Fleisch und raucht gelegentlich.

Weniger Nahrungsmittel?

Mit Ideologien könne er, der sich als liberalen Pragmatiker bezeichnet, nichts anfangen. Damit könne er Mehrheiten über alle Lager hinweg begeistern, ist Kuhn überzeugt. Es brauche «einen aus dem Volk», der auf niemanden Rücksicht nehmen und nicht um seine Karriere fürchten müsse, um einem Pestizid-Verbot zum Durchbruch zu verhelfen.

Dass er und seine Mitstreiter mit ihrer Analyse ziemlich isoliert dastehen, gibt Kuhn nicht zu denken. Der Bauernverband warnt bei einem Verbot von synthetischen Pestiziden vor «massiv» teureren Lebensmitteln und Ernteausfällen von bis zu 40 Prozent. Und der Verband Scienceindustries führt an, die Initiative würde das Angebot an Nahrungsmitteln enorm verringern.

Widerstand «durchsichtig»

Es sei durchsichtig, dass die Agrochemie und ihre politischen Helfer die Ziele der Initianten als Utopie abkanzeln möchten, sagt Kuhn. Die Frage nach dem Preis ärgert ihn. Er tänzelt auf dem Bootssteg hin und her und verwirft die Hände. «Der Preis ist doch nicht entscheidend», ruft er aus, «es geht doch um die Gesundheit der Menschen. Das muss es uns doch wert sein.»

Er gibt weiter zu bedenken, dass kein seriöser Experte die Preisentwicklung bei einem Systemwechsel überhaupt voraussagen könne. «Uns geht es darum, der Schweiz eine Vision aufzuzeigen, nämlich gesunde Lebensmittel für alle.» Zu den Massnahmen, die es brauche, um dieses Ziel zu erreichen, müssten dann alle etwas beitragen: die Konsumenten, indem sie weniger Essen wegwerfen; die Händler, indem sie auf Marge verzichten und die Bauern anständig bezahlen; die Politik, indem sie lokale und nachhaltige Produktion statt Masse subventioniert; die Wissenschaft, indem sie Innovationen im Biolandbau vorantreibt.

Kuhn ist auf Mission

Kuhn weiss um die Widersprüche, die in seiner Initiative stecken. So spritzen auch Biobauern pro Jahr 840 Tonnen natürliche Pestizide – darunter Kupfer –, um ihre Kulturen zu schützen. Diese Stoffe blieben weiterhin erlaubt. «Klar, Kupfer ist nicht gut. Aber irgendwo müssen wir ja anfangen, bevor es zu spät ist», kontert der Neuenburger.

Kuhn, der bis vor kurzem kaum etwas über Pestizide wusste, hat nun auf alles eine Antwort parat – oft garniert mit dem Ausruf «Aber verdammt, es ist doch klar, dass …». Er fühlt sich sichtlich wohl in seiner Rolle. «Ich bin jetzt halt der freche Typ, der dieses Thema nach Bern trägt», meint er süffisant. Man merkt: Das ist seine Mission. Kuhn wirft einen letzten Blick auf die zwei Schwäne, die nebenan nach Futter tauchen, dann geht es zurück zum Parkplatz.

Beim Abschied zündet sich Kuhn eine Winston Red an und philosophiert getreu seinem Kampagnenslogan: «Was wollen wir: Leben oder Gift?» Beim Pestizid-Verbot gehe es darum, ob wir es wollten, nicht, ob wir es könnten. Dass er es will, steht ausser Frage.

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