Christoph Schlingensief: Er wirbelte auch durch Zürichs Kultur
Aktualisiert

Christoph SchlingensiefEr wirbelte auch durch Zürichs Kultur

Der verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief sorgte auch in Zürich mit seinen Premieren für lebhafte Debatten. 2001 forderte er gar ein Verbot der SVP und des Eishockeyclubs ZSC Lions.

Schlingensief inszenierte damals - in der Ära von Schauspielhausdirektor Christoph Marthaler - den «Hamlet» mit «aussteigewilligen Neo-Nazis» als Darstellern. Im Vorfeld sammelte er mit Ensemblemitgliedern Unterschriften für ein «Verbot der SVP». Den Eishockeyclub ZSC Lions wollte er gleich mit verbieten lassen.

Die Partei und der Sportclub würden sich zu wenig gegen rechtsextreme Hooligans engagieren, argumentierte der Regisseur. Der Verwaltungsrat des Schauspielhauses sah sich in der Folge zur Erklärung genötigt, dass er in der Forderung «keinen ernsthaften künstlerischen und politischen Anspruch» sehe.

Es gehöre zu Schlingensiefs künstlerischer Arbeit, «zu polarisieren, zu überhören und sicherlich auch, über das Ziel hinaus zu schiessen», hiess es. Die «Hamlet»-Premiere wurde dem medialen Rummel im Vorfeld jedoch kaum gerecht. Der Schweizer Feuilleton-Dienst schrieb von einer «inszenatorischen Nullnummer».

Collage zu Machtgier

Mehr Erfolg bei den Kritikern war dem Regisseur 2004 mit «Attabambi-Pornoland» nach einem Text von Elfriede Jelinek beschieden. Schlingensief spiegelte darin mit theatralischen und filmischen Mitteln die aus Machtgier entwickelten Perversionen dieser Welt - von Hungerkatastrophen bis zum Irakkrieg.

Die Aufführung wurde von einer Anzeige der Zürcher Stadtpolizei überschattet, die Schlingensief wegen angeblicher Ruhestörung büssen wollte. Dieser sah sich einer Kampagne von Gegnern seiner Arbeit ausgesetzt und setzte sich nach Wien ab. Ein Teil der Vorstellungen fiel ins Wasser.

Tod nicht tabuisiert

Auf praktisch einhellige Begeisterung schliesslich stiess die dritte Schlingensief-Premiere in Zürich. Im Dezember 2009 besuchte der schon schwerkranke Künstler mit einer Truppe des Theaters Neumarkt und dem Stück «Unsterblichkeit kann töten» die Uraufführung von René Polleschs «Calvinismus Klein» im Pfauen.

Die Kooperation der zwei Häuser bot einen äusserst geistreichen Theaterabend. Das Schauspielhaus-Publikum konnte erst auf Bildschirmen verfolgen, was Schlingensief im Neumarkt Theater inszenierte. Thema war dort der baldige Tod eines Herrn Andersen. Später erschien der Regisseur selbst auf der Pfauenbühne. (sda)

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