Tötungsdelikt in Lichtensteig wurde am Kantonsgericht neu aufgerollt
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Kantonsgericht St. Gallen «Er zeigte eine völlige Verachtung dem Leben des Opfers gegenüber»

Der Mord an Fredy K. wurde am Kantonsgericht in zweiter Instanz verhandelt. Die Verteidigung verlangt eine mildere Strafe. Das Urteil wird am Donnerstag erwartet.

von
Leo Butie
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Am Dienstag wurde das Tötungsdelikt an den Lichtensteiger Fredy K. in zweiter Instanz verhandelt.

Am Dienstag wurde das Tötungsdelikt an den Lichtensteiger Fredy K. in zweiter Instanz verhandelt.

20Min/leo
Fredy K. wurde im Mai 2016 in Lichtensteig SG tot aufgefunden. Ein Niederländer, der mit ihm zusammenlebte, hatte mit einem Messer mehrfach auf ihn eingestochen.

Fredy K. wurde im Mai 2016 in Lichtensteig SG tot aufgefunden. Ein Niederländer, der mit ihm zusammenlebte, hatte mit einem Messer mehrfach auf ihn eingestochen.

BRK News
Der Niederländer floh daraufhin nach Thailand, wo er verhaftet wurde. 

Der Niederländer floh daraufhin nach Thailand, wo er verhaftet wurde.

Archivbild

Darum gehts

  • Im Mai 2016 wurde der bekannte Toggenburger Fredy K. durch einen Niederländer getötet.

  • Dieser wurde 2020 vom Kreisgericht Toggenburg zu einer 14-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

  • Die Verteidigung verlangt in zweiter Instanz eine mildere Strafe.

  • Die Staatsanwaltschaft hingegen hält am Antrag des Schuldspruchs wegen Mordes fest.

  • Das Urteil wird am Donnerstag erwartet.

In Fussfesseln erscheint der Beschuldigte vor dem Kantonsgericht in St. Gallen. Der Niederländer wurde letztes Jahr in erster Instanz vom Kreisgericht Toggenburg zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren wegen Mordes an Fredy K. in Lichtensteig SG verurteilt. Gegen dieses Urteil wurde Berufung eingelegt, weshalb es zur Verhandlung am Dienstag kam.

Vor Gericht wird die Lebensgeschichte des in Den Haag geborenen Mannes dargelegt. Durch seine schulischen Schwächen erlangte er keinen Berufsabschluss und war nach dem Militärdienst mit dem Bau von Gewächshäusern beschäftigt. Danach war er als Lastwagenchauffeur angestellt, bis er wegen eines epileptischen Anfalls seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte. «Ich fiel in eine tiefe Depression», sagte der Niederländer mithilfe einer Übersetzerin vor Gericht.

Im Jahr 2016 verkauft er seine Habseligkeiten und macht sich auf nach Thailand, um gemäss seinen Aussagen das Leben zu beenden. Dort macht er via einer Internetplattform Bekanntschaft mit Fredy K., seinem späteren Opfer. Mit ihm und einem Thailänder pflegte er in Pattaya eine sexuelle Dreiecksbeziehung.

In Thailand kennengelernt

Als K. zurück in die Schweiz reiste, blieben die beiden in Kontakt. Der arbeits- und mittellose Holländer erzählt von seiner Situation. «Er fragte mich, ob ich zu ihm in die Schweiz kommen möchte», erzählt 44-Jährige vor Gericht. Dort könnte K. ihm eine Stelle besorgen und mit ihm zusammenleben.

Ende April kommt der Niederländer in die Schweiz und realisiert, dass K. in einer kleinen Zweizimmerwohnung lebt und er den sexuellen Wünschen des Schweizer ausgesetzt ist. «Ich musste Frauenkleider anziehen und damit herumlaufen, auch als Besuch kam», sagt der Niederländer. Auch musste er mit einem fremden Mann Sex haben, dessen Besuch zehn Minuten vorher angekündigt worden war.

In der Tatnacht musste er die Achselhöhlen von K. lecken. Gemäss seinen Aussagen war er stark alkoholisiert und hatte auch Poppers genommen. Als er in die Küche geht, um ein Glas Wasser zu trinken, sieht er ein Messer. Er kehrt damit zurück, sticht zu und tötet K. Anschliessend flieht er nach Thailand, wo er verhaftet wird.

Mord oder Totschlag?

Das Kreisgericht Toggenburg verurteilte den Niederländer wegen Mordes zu einer 14-jährigen Freiheitsstrafe. Vor dem Kantonsgericht verlangt der Verteidiger nun eine Verurteilung wegen Totschlags und somit einen kürzeren Freiheitsentzug. «Mein Mandant wurde nachweislich unter falschen Versprechungen in die Schweiz gelockt», sagt der Verteidiger. Laut dem Anwalt befand sich der Niederländer in einer ausweglosen Situation. «Er hat nicht skrupellos gehandelt, sondern nutzte die Chance, sich seines Peinigers zu entledigen», argumentiert der Verteidiger.

Die Staatsanwältin forderte auch in zweiter Instanz eine Verurteilung wegen Mordes. «Von einer systematischen Unterdrückung kann nicht ansatzweise die Rede sein», sagt sie. Mehrere Stiche habe er dem schwerkranken K. zugefügt. «Heimtückisch, als er die Augen geschlossen hatte und auf den Sex wartete.» Danach stülpte er dem Opfer einen Plastiksack über den Kopf, um sicherzugehen, dass er tot ist. «Er zeigte eine völlige Verachtung dem Leben des Opfers gegenüber», sagt die Staatsanwältin. Dabei hätte er K. einfach verlassen können. «Einen Grund zum Töten gab es nicht.»

Zum Ende der Verhandlung erhält der Beschuldigte nochmals das Wort. «Es hätte nicht passieren dürfen», so der Niederländer. Es sei schrecklich und tue ihm sehr leid.

Das schriftliche Urteil wird am Donnerstag erwartet.

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

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