Referendum: Erdogan hatte bei Schweiz-Türken keine Chance

Aktualisiert

ReferendumErdogan hatte bei Schweiz-Türken keine Chance

Türken in der Schweiz haben Erdogan einen Korb verpasst. Grund: Sie sind regimekritischer als in den Nachbarländern.

von
asc
1 / 3
Ein türkischer Staatsangehöriger gibt seine Stimme in der türkischen Botschaft ab. In der Schweiz hat eine Mehrheit der türkischen Stimmberechtigten gegen das Verfassungsreferendum Erdogans gestimmt.

Ein türkischer Staatsangehöriger gibt seine Stimme in der türkischen Botschaft ab. In der Schweiz hat eine Mehrheit der türkischen Stimmberechtigten gegen das Verfassungsreferendum Erdogans gestimmt.

Keystone/Peter Klaunzer
Die Schweiz ist da aber eine Ausnahme in Westeuropa. Abgesehen von Grossbritannien ist es das einzige Land, in dem das Referendum abgelehnt wurde.

Die Schweiz ist da aber eine Ausnahme in Westeuropa. Abgesehen von Grossbritannien ist es das einzige Land, in dem das Referendum abgelehnt wurde.

(sda / 20min)
Der Türkeiexperte Christoph Ramm sieht den Grund für die Unterschiede vor allem in der Geschichte der Türken in der Schweiz. Die Türken in Deutschland wurden mit Arbeit ins Land gelockt und stammen eher aus ländlichen, konservativen Gebieten. In die Schweiz seien nach dem Militärputsch 1980 eher Flüchtlinge und später Kurden gekommen. Sie sind einiges kritischer gegenüber der Regierung eingestellt.

Der Türkeiexperte Christoph Ramm sieht den Grund für die Unterschiede vor allem in der Geschichte der Türken in der Schweiz. Die Türken in Deutschland wurden mit Arbeit ins Land gelockt und stammen eher aus ländlichen, konservativen Gebieten. In die Schweiz seien nach dem Militärputsch 1980 eher Flüchtlinge und später Kurden gekommen. Sie sind einiges kritischer gegenüber der Regierung eingestellt.

Keystone/Peter Klaunzer

Die Türken in der Schweiz haben Erdogans Verfassungsänderung einen Korb verpasst. Nur 38 Prozent sagten Ja. In Deutschland, Österreich, Frankreich, den Niederlanden und Belgien dagegen haben drei Viertel der türkischen Wähler für Erdogans Präsidialsystem gestimmt. «Die Integration ist gescheitert», schrieb Hasnain Kazim auf Spiegel.de. Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass die fehlende Willkommenskultur dazu beigetragen habe, dass selbst Menschen, die ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht hätten, dort geboren seien, sich dennoch fremd fühlten.

Sind also Türken in der Schweiz besser integriert als in den Nachbarländern? Nein, meint Türkei-Experte Christoph Ramm, der an der Universität Bern lehrt. Auch in Deutschland seien die meisten Türkeistämmigen gut integriert. Die Wähler der Erdogan-Partei AKP seien oft auch gut gebildet und erfolgreich.

Grund für das Resultat sei vielmehr, dass in der Schweiz geschichtlich bedingt mehr regierungskritische Menschen aus der Türkei lebten: «Viele Türken kamen nach dem Militärputsch 1980 als Flüchtlinge in die Schweiz. Diese Gruppe war naturgemäss staatskritisch.» Zudem stammten sie eher aus städtisch gebildeten Schichten und seien links eingestellt gewesen. In der Schweiz lebten zudem viele Kurden aus der Türkei, die ebenfalls nicht viel von Erdogan hielten.

Deutschland und Holland dagegen hätten nach 1960 Türken direkt angeworben, weil man Arbeitskräfte gebraucht habe. «Diese kamen meist vom Land und waren oft konservativ eingestellt.»

Die Soziologin Bilgin Ayata zeigte sich ob der Zustimmung für das Referendum in der Schweiz überrascht. Bisher sei die Unterstützung für die Anliegen der AKP eher geringer gewesen, sagte sie gegenüber SRF. Sie glaubt, dass die grosse Mediendiskussion zur höheren Zustimmung beigetragen habe: «Es wurde eine Stimmung erzeugt, dass wenn die Migranten Ja stimmen würden, sie nicht erwünscht wären.»

(asc/sda)

Deine Meinung