Schweiz-Türken zur Abstimmung: «Erdogan sagt, was er denkt»

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Schweiz-Türken zur Abstimmung«Erdogan sagt, was er denkt»

Nicht nur die Türkei ist nach dem knappen Wahlsieg Erdogans gespalten. Auch die Meinungen der Schweiz-Türken gehen auseinander. Vier Leser erzählen.

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duf
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Hayri San findet, dass Erdogan sage, was er denke und eine klare Linie habe.

Hayri San findet, dass Erdogan sage, was er denke und eine klare Linie habe.

zVg
Berfin Toraman ist enttäuscht über das Wahlresultat und glaubt, dass sich das Land dadurch noch mehr spaltet.

Berfin Toraman ist enttäuscht über das Wahlresultat und glaubt, dass sich das Land dadurch noch mehr spaltet.

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Beim Referendum in der Türkei haben die in der Schweiz lebenden Türken mit grosser Mehrheit gegen das Präsidialsystem von Staatschef Recep Tayyip Erdogan gestimmt. Die Meinungen über seinen Sieg sind daher hierzulande gespalten.

«Fast die Hälfte der Türken wird nun unter den Folgen leiden. Ich bin überrascht und enttäuscht über das knappe Resultat», sagt Berfin Toraman. Das Referendum sei unvernünftig und spalte das Land noch mehr. «Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Wahlzettel manipuliert wurden.» Eine Neuauszählung erachtet sie deshalb als notwendig. Ausser zu Familienfesten möchte sie nicht mehr in die Türkei reisen.

Hier feiern Schweizer Türken das Abstimmungs-Resultat:

Türkische Opposition will Neuauszählung

Präsident Erdogan erklärt das Referendum für gewonnen. Video: Tamedia/AFP

Ein Rückschritt für die Türkei

«Erdogan wird mit der Todesstrafe alle Kurden im Land vernichten», befürchtet auch eine türkische Kurdin, die in der Schweiz wohnt. Schon vor der Abstimmung wurde sie wegen ihres alevitischen Tattoos bei der Einreise vom türkischen Militär rausgezogen. Die Verunsicherung und Ernüchterung sei nach der Abstimmung noch grösser. «Deswegen werde ich nicht mehr in die Türkei reisen. Ich unterstütze dieses Land nicht.»

Türken in der Schweiz stimmen ab

Seit Montagmorgen können Auslandstürken darüber entscheiden, ob Präsident Erdogan in ihrem Heimatland mehr Macht erhalten soll. (Video: SDA)

Auch Y. Yeter sieht von zukünftigen Besuchen seines Heimatlandes ab: «Ich fühle mich der Türkei nicht mehr zugehörig und hätte Angst, wieder dorthin zu reisen. Vielleicht gebe ich sogar meinen türkischen Pass ab.» Es sei das Allerletzte, dass die Türkei einen solchen Rückschritt mache.

Er glaubt, dass die Bevölkerung einer Gehirnwäsche unterzogen wurde und eine einseitige Berichterstattung der Staatsmedien und Manipulation der Wahl zur Annahme des Referendums führte. «Das Volk wird unterdrückt werden und das Land zurückfallen.»

«Er macht vieles richtig»

Hayri San hingegen stimmte «Ja» und ist froh, dass das Referendum angenommen wurde. «Erdogan sagt, was er denkt, hat eine klare Linie und hält seine Versprechen.» Es würde immer nur negativ über ihn berichtet. Dabei sei er für viele positiven Entwicklungen im Lande verantwortlich.

«Er stoppt die Flüchtlingswelle und will Kriminellen und Mördern die Strafe geben, die sie verdienen. Zudem sorgte Erdogan in den letzten Jahren für eine gute Abfallentsorgung und bessere Strassen.» Dass bei der Wahl betrogen wurde und eine Nachzählung die Ja-Stimmen übertreffen würde, glaubt er nicht.

«Lage wird sich normalisieren»

Auch Huzeyfe Kocatürk ist zufrieden mit der Annahme. «Das bisherige System passte nicht mehr zur Türkei, weil der Konflikt zwischen Minister- und Staatspräsident immer wieder zu Krisen führte.» Jetzt von einer Diktatur zu sprechen sei unsinnig, da die Gewaltentrennung nicht abgeschafft sei.

An eine manipulierte Wahl glaubt auch er nicht: «Aufgrund der starken Aufsicht durch die Parteien, ist das unwahrscheinlich.» Kocatürk denkt, dass sich die Lage in den nächsten Tagen etwas beruhigen und das Volk wieder «brüderlicher» miteinander umgehen wird.

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