Aktualisiert 07.06.2012 18:44

Rätselhafter TodErhängter Dissident soll obduziert werden

Die Behörden sprechen von einem Selbstmord, die Angehörigen von Mord. Jetzt soll eine Autopsie Klarheit über das Ableben des bekannten chinesischen Regimekritikers Li Wangyang bringen.

Das Bild, das die Demonstranten in Hongkong in die Luft halten, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Es zeigt die Leiche des bekannten Dissidenten Li Wangyang aufgeknüpft am Gitterfenster eines Spitals im zentralchinesischen Shaoyang. Bei ihm steht seine weinende Schwester, die sich an den Leichnam geklammert hat.

Das Bild stützt die offizielle Version der chinesischen Behörden, wonach Li, der mehr als 20 Jahre in Haft verbracht hatte, Selbstmord begangen habe. Doch daran glauben Angehörige und Menschenrechtsgruppen nicht. Sie forderten eine Autopsie, der die Behörden nun zugestimmt haben, wie die Familie mitteilte.

«Sie haben ihn noch nicht eingeäschert, die Behörden haben die Zustimmung zu einer Autopsie gegeben», sagte Lis Schwager Zhao Baozhu am Donnerstag. «Soweit wir verstanden haben, können wir einen Anwalt oder Experten beauftragen, um an der Autopsie teilzunehmen». Er wollte Spekulationen von Unterstützern Lis nicht kommentieren, wonach der 62-jährige Dissident von Wachleuten in dem Spital zu Tode geprügelt worden sein könnte.

Zhao wies auch Angaben zurück, er und seine Frau seien von der Polizei festgenommen worden. Er stehe in einem Hotel in Shaoyang mit ihr zusammen unter Polizeiaufsicht, sagte er.

Laut Behörden Selbstmord

Lis Unterstützer Zhou Zhirong hatte zuvor mitgeteilt, der Schwager und die Schwester Lis seien festgenommen worden. Die Polizei habe zudem allen Angehörigen und Freunden des Dissidenten gesagt, Li habe Selbstmord begangen und sie sollten die Angelegenheit «nicht an die grosse Glocke hängen».

Freunden zufolge war Li noch am Dienstagabend guter Dinge. Er hatte vergangene Woche Journalisten aus Hongkong gesagt, er wolle seinen Kampf für die Demokratie in China fortsetzen.

Die Menschenrechtsorganisation HRIC teilte mit, Li sei am Mittwoch tot mit einer Binde um den Hals aufgefunden worden, die an einer Fensterbank festgezurrt war. Die Füsse des Toten standen demzufolge auf dem Boden.

Während die Schwester und der Schwager sich in dem Spitalzimmer aufhielten, seien 40 Polizisten hineingestürmt und hätten die Leiche ohne Genehmigung der Angehörigen und des Spitals abtransportiert. Li war in dem Spital rund um die Uhr bewacht worden. Die Polizei in Shaoyang war für Anfragen am Donnerstag nicht zu erreichen.

«Konterrevolutionäre» Verbrechen

Li war im Zusammenhang mit der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz in Peking im Jahr 1989 festgenommen worden. Ihm wurden «konterrevolutionäre» Verbrechen vorgeworfen, weil er bei Arbeitern in Shaoyang für die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft geworben hatte.

Dafür bekam er 13 Jahre Haft. Als er nach elf Jahren freigelassen wurde, war er wegen der schlechten Behandlung in Haft nahezu blind und taub. Nachdem er sich an die Justizbehörden wandte, um gegen die Misshandlungen vorzugehen, wurde er 2001 erneut zu zehn Jahren Haft verurteilt. (sda)

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