Kindstötung in Breitenbach SO - «F.N. hatte feuchte Augen – ihm ist ein Stein vom Herzen gefallen»
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Kindstötung in Breitenbach SO«F.N. hatte feuchte Augen – ihm ist ein Stein vom Herzen gefallen»

F.N. (34) soll vor zehn Jahren sein eigenes Baby erstickt und später seine Tochter schwer verletzt haben. Die Staatsanwaltschaft will das Urteil weiterziehen.

von
Daniel Krähenbühl
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F.N. stand letzte Woche vor Gericht: Laut Anklage soll er seinen Sohn getötet und seine Tochter schwer verletzt haben.

F.N. stand letzte Woche vor Gericht: Laut Anklage soll er seinen Sohn getötet und seine Tochter schwer verletzt haben.

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Die Staatsanwaltschaft forderte eine Freiheitsstrafe von 16,5 Jahren. 

Die Staatsanwaltschaft forderte eine Freiheitsstrafe von 16,5 Jahren.

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Die Verteidigerin Eveline Roos forderte einen vollständigen Freispruch.

Die Verteidigerin Eveline Roos forderte einen vollständigen Freispruch.

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Darum gehts

  • Ein Vater soll 2010 seinen acht Wochen alten Sohn erstickt und zwei Jahre später seine siebenwöchige Tochter heftig verletzt haben.

  • Der Mann stand wegen vorsätzlicher Tötung und wegen mehrfacher versuchter vorsätzlicher Tötung in Solothurn vor Gericht. Das Verfahren gegen die Mutter wurde 2017 eingestellt.

  • Nach dem Tod des Säuglings hat die Staatsanwaltschaft gegen die Eltern intensiv ermittelt: Wanzen wurden in der Wohnung installiert, verdeckte Ermittler schlichen sich ins Leben des Paares ein.

  • Die Staatsanwaltschaft Solothurn forderte insgesamt 16,5 Jahre Freiheitsstrafe, die Verteidigung einen Freispruch.

Über drei Tage hinweg zog sich letzte Woche das Gerichtsverfahren gegen F.N.* Der 34-Jährige musste sich für den Tod seines Sohnes und das Schütteltrauma seiner Tochter vor dem Obergericht in Solothurn verantworten. Ihm wurde unter anderem wegen vorsätzlicher Tötung und mehrfacher versuchter Tötung der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft hatte bei den Ermittlungen gegen ihn und die Mutter zwischen 2010 und 2017 zu allen Mitteln gegriffen: Sechs Undercover-Agenten waren im Einsatz, Telefone wurden abgehört und Wanzen in der Familienwohnung angebracht. Das Verfahren gegen die Mutter wurde 2017 eingestellt.

Obwohl konkrete Beweise trotz jahrelangen Ermittlungen fehlten, forderte die Staatsanwaltschaft Solothurn für den Angeklagten insgesamt 16,5 Jahre Gefängnis. Rechtsanwältin Ana Dettwiler, die Verteidigerin des Mädchens, das im Jahr 2012 ein Schütteltrauma erlitt, unterstützte das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmass. Da ihre Klientin aufgrund des Schütteltraumas gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten habe, stellte sie zudem eine Teil-Genugtuungsforderung von 30’000 Franken.

Verteidigung forderte Freispruch

Der Beschuldigte F.N. verweigerte letzte Woche jegliche Aussage vor Gericht. Seine Verteidigerin, Eveline Roos, sagte, dass ihr Mandant nicht in der Lage sei, Aussagen zu machen. «Er hat – nach all den geheimen und über mehrere Jahre dauernden Ermittlungsmassnahmen – das Vertrauen in die Justiz und in den Rechtsstaat verloren.» Durch das ganze Strafverfahren sei ihr Mandant psychisch sehr angeschlagen. «Er leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, ist seit längerer Zeit arbeitsunfähig und hat sich komplett aus der Gesellschaft zurückgezogen.» Da es sich laut Roos um einen Indizienprozess gehandelt hat, der keine belastenden Beweise zutage förderte, forderte sie einen vollständigen Freispruch und eine Genugtuung von 120’000 Franken.

Freispruch für Angeklagten

In seiner Urteilsverkündung teilte heute das Amtsgericht Dorneck-Thierstein mit, dass F.N. vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung und der mehrfachen schweren Körperverletzung freigesprochen wird. «Die angeklagten Taten sind unfassbar, die Schicksale der Kinder machen tief betroffen», so Amtsgerichtspräsidentin Giorgia Marcionelli Gysin. Niemand zweifle daran, dass den Kindern Schreckliches angetan worden sei. «Jedoch hatte das Gericht erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel, dass der Angeklagte für die Taten verantwortlich ist.»

Die Einsetzung der verdeckten Ermittler habe laut dem Amtsgericht nicht zur Klärung der Frage beigetragen, wer für die Tötung verantwortlich sei. In dubio pro reo – also im Zweifel für den Angeklagten – sei F.N. daher in allen Punkten freizusprechen. «Das Amtsgericht ist nicht überzeugt, dass F.N. der Täter sein muss.» Das Gericht sei jedoch zum Schluss gekommen, dass die verdeckten Ermittlungen – bis auf einige Ausnahmen – verhältnismässig gewesen sind. F.N. wird eine Genugtuung von 65’000 Franken zugesprochen, die Zivilklagen werden auf den Zivilweg verwiesen.

Im strafrechtlichen Sinn blieben die Taten jedoch ungesühnt. «Wir werden wohl nie erfahren, wer wirklich Schuld ist», sagt Marcionelli Gysin. Diejenige Person, die dafür verantwortlich ist, werde aber die restlichen Tage mit der Schuld leben müssen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Staatsanwaltschaft will Urteil weiterziehen

Er sei enttäuscht. dass das Amtsgericht den «guten Argumenten», die die Anklage stützten, nicht gefolgt sei, sagt Staatsanwalt Raphael Stüdi kurz nach der Urteilsverkündung. Er gehe «stark davon aus», dass die Staatsanwaltschaft das Urteil jetzt weiterziehen werde. Er sei aber froh, dass das Amtsgericht die Verhältnismässigkeit der eingesetzten verdeckten Ermittlungen nicht angezweifelt habe: «Ich bin überzeugt, dass die verdeckten Ermittlungen einen wesentlichen Beitrag geleistet haben, die Kindsmutter von den Vorwürfen zu entlasten.»

Dass die Staatsanwaltschaft bereits angekündigt hat, das Urteil weiterzuziehen, sei nicht überraschend, sagt die Verteidigerin von F.N., Eveline Roos. «Damit habe ich gerechnet.» Sie sei aber sehr erleichtert, dass das Gericht zu diesem Urteil gekommen sei: «Eine Verurteilung ohne Beweise wäre klar falsch gewesen.»

Auch bei ihrem Mandanten sei die Erleichterung über den vorläufigen Abschluss des Verfahrens gross gewesen, sagt Roos: «Bei der Urteilseröffnung hatte er feuchte Augen – ihm ist ein Stein vom Herzen gefallen.» Dass das jahrelange Verfahren zu einem Ende kommt, sei ihm wohl aber noch gar nicht bewusst. «Nach dem Abschluss der Urteilseröffnung ist er mit seiner Mutter nach Hause gefahren.»

*Name der Redaktion bekannt

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