District 6: Erinnerungen an ein einst quirliges Quartier
Aktualisiert

District 6Erinnerungen an ein einst quirliges Quartier

District 6 war das lebendigste Viertel Kapstadts, bis das Apartheidregime die Bewohner vertrieb. Ein Museum hält die Erinnerung an verschwundene Menschen und Gebäude aufrecht.

von
Simon Hehli
Das District-6-Museum lässt die Geschichte des zerstörten Quartiers wiederaufleben.

Das District-6-Museum lässt die Geschichte des zerstörten Quartiers wiederaufleben.

Tausende Fotos und Erinnerungstexte an den Wänden des kleinen Museums erzählen die Geschichte eines Stadtteils und des Alltags seiner Bewohner. Verschwunden sind sie beide – die Menschen vertrieben, die Gebäude dem Erdboden gleichgemacht. Die Apartheidsregierung beanspruchte das Gebiet für sich, die schwarze Bevölkerung störte da nur. Willkommen im Museum des Kapstädter District 6, das die Geschichte eines grossen Unrechts dokumentiert.

Der District 6 war seit seiner Gründung Mitte des 19. Jahrhunderts ein vorwiegend schwarzer Stadtteil, doch auch Farbige und Muslime lebten dort. Er lag nahe des Stadtzentrums und des Hafens von Kapstadt. Das Quartier zog im 20. Jahrhundert zahlreiche Bohémiens und Künstler an, Jazzmusiker und Maler sorgten für ein multikulturelles Ambiente. Die Schwarzweiss-Fotos im Museum zeigen Gebäude im Kolonialstil und Strassenzüge voller Leben. Aus Sicht der weissen Regierung war der Distrikt aber vor allem ein konfliktträchtiger Schmelztiegel der Rassen und eine Brutstätte von Kriminalität, die es zu vernichten galt.

Niemand wollte das Brachland bebauen

1966 erklärte die Regierung das Quartier zur exklusiv weissen Zone. 1968 fuhren Bulldozer auf. Bis 1982 waren fast alle Gebäude ausser Kirchen, Synagogen und Moscheen zerstört, über 60'000 Menschen verloren ihre Heimat. Sie wurden grösstenteils in das 25 Kilometer entfernte Township Cape Flats umgesiedelt. Die dort eilig errichteten Häuser waren häufig von schlechter Qualität, dennoch waren die Mieten höher als im District 6. Zudem machten Gangs die Strassen der Retortenstadt unsicher.

Doch auch dem Apartheidregime brachten die Vertreibungen wenig Glück. Die Kosten stiegen ins Unermessliche – und auch aufgrund von Protesten in Südafrika und im Ausland fanden sich keine Investoren, die das Gebiet für die Weissen bebauen mochten. District 6 blieb mit Ausnahme einer technischen Hochschule praktisch unbebaut und ist auch heute noch Brachland.

Die Suche nach den Vertriebenen

1994 wurde Nelson Mandela südafrikanischer Präsident, das rassistische Apartheidregime war endgültig Geschichte. Im selben Jahr wurde in einer ehemaligen Methodistenkirche auch das Museum des District 6 eröffnet. Dessen Boden ist bedeckt mit einer Karte, welche die verschwundenen Strassenzüge zeigt. In mühsamer Kleinarbeit versuchen die Behörden seit 20 Jahren, die ehemaligen Besitzer der Grundstücke ausfindig zu machen und ihnen ihr Eigentum zurückzugeben.

Am 11. Februar 2004 kehrten die ersten früheren Bewohner, ein greises Ehepaar, in ihr neu errichtetes Zuhause zurück. Es war ein Anfang, nach und nach soll das Gebiet wieder besiedelt werden. Doch die quirlige, multiethnische, inspirierende Atmosphäre von einst – sie ist unwiederbringlich verloren.

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