Aktualisiert 27.07.2015 13:56

Eritreischer Honorarkonsul«Eritreer sind hier VIP-Flüchtlinge»

Toni Locher ist sich sicher, dass kein eritreischer Migrant politisch verfolgt wird. Er kritisiert die Schweizer Asylpolitik scharf.

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dia
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Eritreer seien in Europa auf der Suche nach einem besseren Leben: Entwicklungshelfer Toni Locher. (8. Juli 2012)

Eritreer seien in Europa auf der Suche nach einem besseren Leben: Entwicklungshelfer Toni Locher. (8. Juli 2012)

kein Anbieter/Screenshot Youtube / Jugendnetz Wetzlar
Die Massenflucht hat laut Locher mit der wirtschaftlichen Lage im Land zu tun: Migranten auf dem Mittelmeer. (23. Juli 2015)

Die Massenflucht hat laut Locher mit der wirtschaftlichen Lage im Land zu tun: Migranten auf dem Mittelmeer. (23. Juli 2015)

AFP/Guardia Costiera
Lockt das europäische Konsumparadies? Asylbewerber in der Zivilschutzanlage von Lumino. (20. August 2014)

Lockt das europäische Konsumparadies? Asylbewerber in der Zivilschutzanlage von Lumino. (20. August 2014)

Keystone/Gabriele Putzu

Rund 4000 Eritreer haben in diesem Jahr hierzulande bereits Asyl beantragt. Aus keinem anderen Land flüchten so viele Menschen in die Schweiz wie aus Eritrea. Viele berichten von grausamen Foltermethoden oder Arbeit unter sklavenähnlichen Bedingungen.

Dem widerspricht Toni Locher. Der Entwicklungshelfer, der von der eritreischen Regierung den Titel des Honorarkonsuls verliehen erhielt, sieht andere Gründe für die Massenflucht. Die wirtschaftliche Lage sei sehr schlecht, sagt der Wettinger in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten». «Die Welt der Jungen ist die Facebook-Welt vom Konsumparadies Europa, wo alle das neuste Handy haben. Das wollen sie auch», so der 66-Jährige.

Keine Angst vor riskanter Flucht

Er kenne viele junge Menschen aus dem Land, sagt Locher, der drei eritreische Adoptivtöchter hat und mindestens zweimal im Jahr in den Staat am Roten Meer reist. Er ist sich sicher: «Politisch verfolgt oder an Leib und Leben bedroht war keiner.» Die jungen Männer müssten von fürchterlichen Zuständen im Land berichten, um überhaupt als politisch Verfolgte zu gelten.

Europas Anziehungskraft sei für viele Junge riesig, das Risiko, auf dem Weg über das Mittelmeer zu ertrinken, werde hingegen als klein eingestuft. «Viel wichtiger ist, was der Kollege – der es geschafft hat – per Facebook aus Zürich zurückmeldet», sagt Locher im Bericht.

«Schweiz hat Tore weit geöffnet»

Dass so viele Eritreer in die Schweiz kommen, habe mit der Asylpolitik zu tun. «Es kommen so viele, weil die Asylrekurskommission 2005 entschieden hat, Dienstverweigerern und Deserteuren Asyl zu gewähren. Damit hat die Schweiz ihre Tore weit geöffnet.»

Auch nach der Verschärfung des Migrationsgesetztes vor zwei Jahren habe sich wenig geändert. Die Mehrheit der Eritreer dürfe bleiben, und das sei ihnen bewusst. Mehr noch: «Die Flüchtlinge aus Eritrea sind hier immer noch VIP-Flüchtlinge.»

Kein SVP-Sympathisant

Es sind deutliche Worte, die Toni Locher wählt. Die Flüchtlingspolitik ist eines der grossen Themen im Wahljahr. Unterstützt der Eritrea-Kenner mit seinen Aussagen die SVP? «Nein, ich bin ein Tiers-Mondiste, ein Unterstützer der Dritten Welt, insbesondere von Eritrea», sagt Locher.

Auch von der SVP-Aussage, dass Eritreer in der Heimat Ferien machen, distanziert er sich. Das sei lediglich Wahlkampfrhetorik. Er stellt aber eine klare Forderung an Justizministerin Simonetta Sommaruga: «Die Schweiz muss das Asylgesetz anwenden und darf den Jungen aus Eritrea kein definitives Asyl mehr gewähren.»

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