29.06.2020 13:04

Bergisch Gladbach

Ermittler stossen auf 30’000 Pädophilen-Verdächtige

Im Missbrauchsskandal Bergisch Gladbach kommen erschreckende neue Erkenntnisse ans Licht. Anfang Juni musste sich ein Hauptverdächtiger bereits vor Gericht verantworten.

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NRW-Justizminister Peter Biesenbach ist zutiefst schockiert über die neuesten Ermittlungen im Pädophilen-Skandal vom Bergisch Gladbach.

NRW-Justizminister Peter Biesenbach ist zutiefst schockiert über die neuesten Ermittlungen im Pädophilen-Skandal vom Bergisch Gladbach.

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Demnach seien die mutmasslich Pädophilen ganz unverfroren mit ihren Taten umgegangen und hätten sich in Foren und Messengerdiensten gegenseitig angeheizt, so der Justizminister.

Demnach seien die mutmasslich Pädophilen ganz unverfroren mit ihren Taten umgegangen und hätten sich in Foren und Messengerdiensten gegenseitig angeheizt, so der Justizminister.

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Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-jähriger IT-Techniker aus Münster.

Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-jähriger IT-Techniker aus Münster.

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Darum gehts

  • In dem Pädophile-Fall von Bergisch Gladbach sind Ermittler auf die Spur von tausenden Verdächtigen gekommen.
  • Die mutmasslichen Täter hätten sich gegenseitig in Foren Tipps für den Missbrauch an Kindern gegeben.
  • Seit Monaten werten Ermittler in dem Fall riesige Datenmengen aus.
  • Im Oktober wurden bereits riesige Mengen an kinderpornografischem Material sichergestellt.

Der Missbrauchsskandal von Bergisch Gladbach nimmt noch weit grössere Ausmasse an, als bislang angenommen. Die Ermittler sind nun auf die Spur von mehr als 30’000 Verdächtigen gekommen, wie NRW-Justizminister Peter Biesenbach laut «Bild» sagt.

Demnach seien die mutmasslich Pädophilen ganz unverfroren mit ihren Taten umgegangen und hätten sich in Foren und Messengerdiensten gegenseitig angeheizt. Sie hätten sich Tipps gegeben, unter anderem wie Kinder mit Beruhigungsmitteln gefügig gemacht werden können. Gegenüber der WAZ kommentierte der Justizminister diese neuen Erkenntnisse mit den Worten: «Mir ist speiübel.»

500 Terabyte Aufnahmen

Anfang Juni wurde die Identifizierung von drei minderjährigen Opfern bekanntgegeben. Die Jungen sind nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft von Samstag fünf, zehn und zwölf Jahre alt. Sie sollen teilweise stundenlang von mehreren Männern sexuell missbraucht worden sein – in einem Fall vom eigenen Vater, in einem anderem vom Lebensgefährten der Mutter.

Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-jähriger IT-Techniker aus Münster. Ermittler fanden hochprofessionelle technische Ausstattung zur Videoaufzeichnung. Sie stellten mehr als 500 Terabyte versiert verschlüsselten Materials sicher. Nach der Auswertung der ersten Daten gingen Polizei und Staatsanwaltschaft davon aus, dass bislang nur ein kleiner Teil der mutmasslichen Verbrechen bekannt geworden ist. Viele der Daten mussten noch entschlüsselt werden. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Handelsübliche Computer für den Heimgebrauch haben Speicherplatten mit einer Grösse von 1 bis 3 Terabyte.

Bilder und Videos im Darknet angeboten

In der Gartenlaube in Münster sollen vier Männer stundenlang wechselweise den fünf- und den zehnjährigen Jungen vergewaltigt und die Taten teilweise gefilmt haben. Der 27-jährige Hauptverdächtige soll dazu den Männern den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin überlassen haben. Das zweite Opfer war den Angaben zufolge der Sohn eines 30 Jahre alten Beschuldigten aus Staufenberg (Hessen). Die Kinder sollen vor den Taten betäubt worden sein. Bilder und Videos der Taten bot der Hauptverdächtige im Darknet an.

Bei den weiteren Beschuldigten, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, handelt es sich den Angaben zufolge um Männer aus Hannover (35 Jahre alt), Schorfheide in Brandenburg (42), Kassel (43) und Köln (41) sowie um die 45 Jahre alte Mutter des Hauptverdächtigen. Sie soll ihrem Sohn die Schlüssel für die Gartenlaube überlassen und den sexuellen Missbrauch der Kinder in Kauf genommen haben.

Vermutlich in jeder Schulklasse bis zwei Kinder betroffen

Der Missbrauchsfall löste eine Welle der Bestürzung aus. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sagte der dpa: «Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft noch wachsamer sind, um frühzeitig Missbrauch erkennen und wirksam dagegen vorgehen zu können.» Zum Schutz von Kindern brauche es «ein aufmerksames Umfeld, das hinschaut und Hilfe organisiert". «Wir müssen davon ausgehen, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder betroffen sind. Das können wir nicht akzeptieren.»

Der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, meinte, die Frage sei, «ob wichtige Hinweise möglicherweise übersehen wurden und zum Beispiel deshalb der sexuelle Missbrauch nicht früher aufgedeckt wurde». Rörig schränkte gegenüber der dpa aber ein, dass es für die zumeist sehr engagierten Beschäftigen der Jugendämter generell sehr viel schwerer sei, sexuellen Missbrauch von Kindern zu erkennen als zum Beispiel körperliche Misshandlungen oder Vernachlässigung. «Oft fehlen für sexuelle Gewalt erkennbare Indizien. (...) Missbrauchstäter sind Meister der Täuschung. Ihre perfiden Strategien sind voll darauf ausgerichtet, ihr Umfeld zu verwirren, um unentdeckt zu bleiben», sagte Rörig.

Missbrauchsfälle in vergangenen Jahren

In Nordrhein-Westfalen sind in den zurückliegenden Jahren mehrmals schwere Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern entdeckt worden. Zuerst Ende 2018 der Fall Lügde, bei dem mehrere Männer auf einem Campingplatz an der Landesgrenze zu Niedersachsen über 30 Kinder jahrelang vergewaltigt und die Bilder zum Teil über das Internet angeboten hatten.

Seit Monaten ermitteln Beamte unter Federführung der Kölner Polizei zudem in einem bundesweiten Missbrauchskomplex, der in Bergisch Gladbach seinen Anfang nahm. Dort hatten Ermittler im Oktober die Wohnung eines 42-Jährigen durchsucht und riesige Mengen kinderpornografischen Materials gefunden. Spezialisten sind bis heute mit der Auswertung beschäftigt.

(SDA, kat)

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