Aktualisiert 04.03.2011 13:02

Vermisste ZwillingeErmittler suchen Aufnahmegerät des Vaters

In Italien und auf Korsika läuft die Suche nach Alessia und Livia auf Hochtouren, eingestellt wurde sie dagegen in St-Sulpice. Der Vater soll die Tat lange geplant haben.

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fum/rub

Im Fall der verschwundenen sechsjährigen Zwillinge aus St-Sulpice VD konzentrieren sich die italienischen Ermittler am Donnerstag auf die Suche nach einem Aufnahmegerät, das der Vater immer bei sich getragen haben soll. Sie hoffen auf eine Botschaft über das Verbleiben der Töchter.

In der Umgebung von Cerignola (I), dem italienischen Ort, in dem sich der Vater das Leben genommen hat, sollen nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa im Laufe des Donnerstags sämtliche Postkästen untersucht werden. Geprüft wird, ob sie weitere an die Mutter der Zwillinge adressierte Briefe enthalten.

Suche vor Ort eingestellt

Im waadtländischen St-Sulpice, dem Wohnort der Eltern, hat die Kantonspolizei die Suche nach Spuren von Alessia und Livia hingegen eingestellt. Sie konzentriert sich nun auf das berufliche und private Umfeld des Vaters.

Die Polizei habe vor Ort alles unternommen, was möglich sei, sagt Jean-Christophe Sauterel, Mediensprecher der Kantonspolizei Waadt. Die Taucher und die Hundeführer sind mittlerweile nicht mehr im Einsatz.

Bei Bedarf könne man die Suche jedoch jeder Zeit wieder aufnehmen, sagte Sauterel weiter. Noch immer suchen zwischen 30 und 40 Personen nach Hinweisen nach dem Verbleib der Zwillingsschwestern.

Briefkästen systematisch durchsuchen

In den vergangenen Tagen waren acht Umschläge mit Geld auf dem Postweg in der Schweiz angekommen. Zwei weitere Briefe hatten in Cerignola in stillgelegten Briefkästen gelegen. Die Ermittler schliessen nicht aus, dass der Vater auch sein Aufnahmegerät mit einer Botschaft in die Schweiz geschickt haben könnte.

Die in die Suche involvierten Ermittler aus der Schweiz, Italien und Frankreich halten es zudem für wahrscheinlich, dass der 43-jährige Familienvater seine Flucht schon länger geplant hatte. Hinweise dazu seien laut Ansa im Computer des Mannes gefunden worden. Von den Zwillingen Alessia und Livia fehlt noch immer jede Spur.

Dramatischer Appell der Mutter

In St-Sulpice VD war die Mutter am Mittwochnachmittag kurz vor die Medien getreten. «Helft uns, sie wiederzufinden!», appellierte sie in die Kameras. Der italienische Sender Raitre strahlt eine italienische Version von «Aktenzeichen XY ... ungelöst» aus. Sie seien auf der Fähre nach Korsika gesichtet worden. Das gebe ihr Mut, sagte sie: «Die Hoffnung stirbt zuletzt.»

Neue Fotos - erfolglose Suche in St-Sulpice

Am Mittwochabend veröffentlichte die Waadtländer Polizei neue Bilder von Alessia und Livia. Die Durchsuchung des Gartens des Vaters und weiterer Orte in St-Sulpice haben keine neuen Informationen über den Verbleib der Zwillingsschwestern gebracht, sagte Jean-Christophe Sauterel von der Kantonspolizei an einer Medienkonferenz.

Noch seien jedoch nicht alle Spuren ausgewertet. Laut Sauterel waren vier Spezialhunde der Kantonspolizei Bern im Einsatz. Die Waadtländer Polizei wird trotz des negativen Ergebnisses weiter im Umfeld der Familie nach Hinweisen suchen, die Aufschluss geben könnten, wo sich die beiden am 30. Januar entführten sechsjährigen Mädchen befinden.

Mutter wendet sich an die Medien - in französischer Sprache

(links der Onkel der Zwillinge)

(Video: TSR)

Weitere Umschläge - Ortung bei Lyon

Sauterel bestätigte zudem eine am Dienstag veröffentlichte Information der italienischen Behörden, wonach weitere Briefe des Vaters - gefüllt mit 50-Euro-Scheinen - in einem öffentlichen Briefkasten von Cerignola I gefunden worden seien. Es habe sich dabei aber um Briefkästen gehandelt, die nicht mehr in Betrieb sind.

Neu ist zudem, dass das Handy des Vaters am Sonntag, den 30.Januar, kurz nach 19.30 Uhr in der Gegend um Lyon F zum letzten Mal geortet wurde. Am Dienstag war von 18.15 Uhr in der Region Annecy F die Rede.

Spur auf der Fähre - schwindende Hoffnung

Obwohl Alessia und Livia noch auf der Fähre nach Korsika gesehen wurden, schwindet bei den Behörden der Glaube an ein versöhnliches Ende des Familiendramas. Zum ersten Mal wurde am Mittwoch von offizieller Seite bestätigt, was bisher nur vermutet wurde: Die beiden Mädchen befanden sich auf der Fähre «Scandola» von Marseille ins korsische Propriano. Dies sagte gemäss der französischen Nachrichtenagentur AFP Staatsanwalt Jacques Dallest im Justizzentrum von Marseille. Alessia und Livia seien während der Überfahrt von drei Personen gesehen worden.

Gleichzeitig schwindet die Hoffnung auf ein einigermassen glückliches Ende des Familiendramas. «Die tragischste Hypothese ist, dass der Mann die Mädchen getötet hat – entweder auf der Überfahrt oder danach», so Dallest. Die düstere Hypothese sei «leider denkbar», auch wenn bis zum jetzigen Zeitpunkt «noch keine Kinderleichen» gefunden worden seien.

Der Staatsanwalt gab weitere Details zur Schiffsfahrt der Familie bekannt: «Die Kabinennachbarin hat am Abend weinende Kinder gehört und die beiden Mädchen kurz darauf gesehen. Eines hat sie eindeutig erkannt», so Dallest. Danach habe die Frau die beiden im Kinderspielbereich der Fähre gesehen.

Bisher war nur bekannt, dass sich Matthias S., der Vater der Zwillinge, auf der Fähre befand. Unklar bleibt, ob in Propriano alle drei von Bord gingen. Laut Staatsanwalt Dallest hat ein älterer Herr «einen Mann mit zwei Kindern» an Land gehen sehen. Er habe die Mädchen aufgrund der grossen Distanz aber nicht identifizieren können. Theoretisch wäre es auch möglich, mit der gleichen Fähre nach Sardinien weiterzureisen.

Italienische Barfrau will Zwillinge gesehen haben

Eine weitere Fährte kommt aus dem süditalienischen Cerignola, wo sich Matthias S. am 3. Februar das Leben nahm. Eine Barfrau will dort die Zwillinge gesehen haben: «Ich bin sicher, dass die beiden Mädchen mit ihrem Vater in mein Bistro eingetreten sind. Der Mann hat mit ausländischem Akzent gefragt, wo die Toilette sei. Während das eine Mädchen ins Bad ging, wartete der Vater mit dem anderen», sagte die Inhaberin gegenüber der Regionalzeitung «Il Resto del Carlino». Die Polizei hat auf den Videoaufzeichnungen des Bistros bis anhin aber keine Anhaltspunkte gefunden.

Mit der Bestätigung der Überfahrt von Marseille nach Propriano wird dem mysteriösen Verschwinden von Alessia und Livia ein weiteres Puzzlestück hinzugefügt. Die Hauptfrage – der Verbleib der beiden Mädchen – bleibt aber weiterhin ungeklärt. (fum/rub/sda)

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