«BAG verwaltet Probleme»: Erneute Impfstoffpanne beim BAG – Experte fordert Krisenmanager
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«BAG verwaltet Probleme»Erneute Impfstoffpanne beim BAG – Experte fordert Krisenmanager

Swissmedic hat einen dritten Impfstoff zugelassen, doch die Schweiz hat nichts bestellt. Der Pannenserie liegt laut einem Experten ein grösseres Problem zugrunde.

von
Bettina Zanni
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Der Impfstoff von Johnson & Johnson wurde in der Schweiz zugelassen. 

Der Impfstoff von Johnson & Johnson wurde in der Schweiz zugelassen.

20min/Simon Glauser
Bestellt hat das BAG aber keine Dosen.

Bestellt hat das BAG aber keine Dosen.

imago images/ZUMA Wire
Gegen den neusten Entscheid des BAG hagelt es Kritik von allen Seiten. 

Foto: 20min/Simon Glauser

Gegen den neusten Entscheid des BAG hagelt es Kritik von allen Seiten.

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Darum gehts

  • Das BAG hat trotz Zulassung den Impfstoff von Johnson & Johnson nicht bestellt.

  • Gegen den neusten Entscheid des BAG hagelt es Kritik von allen Seiten.

  • Ein Krisenmanager sieht den Grund im Verwalten von Problemen beim BAG.

Der dritte in der Schweiz zugelassene Impfstoff verspricht aktuell kein effizienteres Impfen – die Schweiz hat ihn gar nicht bestellt. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) begründete den Verzicht auf den Impfstoff von Johnson & Johnson damit, dass das Vakzin für die Schweiz erst ab dem dritten Trimester verfügbar sei. Diese Lücke ist nicht die einzige Panne (siehe Box) der Impfkampagne. Gegen den neusten Entscheid des BAG hagelt es Kritik von allen Seiten.

Dass das BAG die Lieferung im dritten Trimester als Ausrede heranzieht, ist für GLP-Nationalrat Martin Bäumle fragwürdig. «Es wird knapp. Jetzt hat das BAG die letzte Chance, um noch aufzuholen.» Alles, was an Impfstoff verfügbar gemacht werden könne, müsse schnell beschafft werden. Er staune, dass die Schweiz offenbar nicht früher mit Johnson & Johnson verhandelt habe. «Auch diesen Impfstoff müssen wir bestellen.»

Schweiz müsse auf Oktober vorbereitet sein

Geht es nach Bäumle, sollten bereits Ende Mai alle Impfwilligen geimpft worden sein. «Wichtig bleibt auch, dass wir ab Oktober bereit sind, die ganze Bevölkerung nochmals durchzuimpfen, sollte der Impfschutz dann bereits wieder aufgefrischt werden müssen.» Bäumle, der für sein Modell regelmässig Berechnungen anstellt, übt scharfe Kritik an Bund und Kantonen. «Mit proaktivem Handeln und guter Vorbereitung könnten heute in der Schweiz rund fünf Millionen geimpft sein.»

Jürg Müller, Forschungsleiter Infrastruktur und Märkte bei der Denkfabrik Avenir Suisse, fordert, dass die Gründe für den verpatzten Impfstart der Schweiz als eines der reichsten Länder aufgearbeitet werden. «Der im internationalen Vergleich langsame Impffortschritt zeigt, dass bei der Impfstrategie nicht alles richtig gelaufen ist.»

So scheint es laut Müller beispielsweise, dass, im Gegensatz zu Grossbritannien, privatwirtschaftliches Knowhow zu wenig angezapft wurde. Auf eine entsprechende Anfrage zur Zusammensetzung der Arbeitsgruppe für Impfstoffbeschaffung habe das BAG bisher nicht reagiert. Auch Müller sagt: «Jeder Monat zählt. Der Bund muss jetzt alles tun, damit die Bevölkerung bis im Sommer geimpft ist.»

Preisverhandlungen seien fehl am Platz

Scharfe Kritik erntet das BAG auch von Gesundheitsökonomen. «Eine Pandemie ist nicht da, um Preisverhandlungen zu führen», sagt Gesundheitsökonom Willy Oggier. Anstatt schnell möglichst viel Impfstoff zu beschaffen, habe das BAG Preisverhandlungen geführt. «Der Bund hätte mehr in Szenarien denken und von den guten Impfstoffen lieber zu viel als zu wenig beschaffen sollen.»

Die strengen Zulassungsverfahren für Impfstoffe in der Schweiz erachtet Oggier als richtig. «Es ist aber unklug, bei den zugelassenen Stoffen noch zu feilschen und so gegenüber anderen Staaten ins Hintertreffen zu geraten.»

«Bund verwaltet Probleme»

In der wiederholten Panne des BAG sieht Krisenmanager Hans Klaus ein gesamtheitliches Problem. «Die Probleme werden verwaltet und politisch gelöst, anstatt lösungsorientiert abgearbeitet.» Zudem würden die Entscheide aktuell schlecht kommuniziert, was die Bevölkerung zunehmend verunsichere. «Die Verwaltung ist nicht dafür ausgebildet, ein Krisenmanagement über eine längere Zeit hinweg selbst zu leiten.»

Entschärfen könnte die Probleme laut Klaus ein designierter Krisenmanager mit weitreichenden Kompetenzen. «Beim Absturz der Swissair-MD-11 im Jahr 1998 führte auch nicht der oberste Chef der Swissair durch die Krise, sondern ein dafür ausgebildeter Krisenmanager.»

Das BAG nahm zur Kritik an der Impfbeschaffung am Dienstag keine Stellung und verwies auf das Treffen zwischen Bund und Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) am Donnerstag. Dabei wird über den aktuellen Stand der Impfstoff-Lieferungen und den weiteren Fahrplan orientiert.

Chronologie der Pannenserie

Die Impfkampagne des Bundes gegen das Coronavirus begleitete eine Pannenserie:
• Unsichere Plattform
Die Plattform «meineimpfungen.ch» ist für den digitalen Impfausweis nicht sicher, wie sich am Dienstag herausstellte. Beim elektronischen Impfausweis waren 450’000 Datensätze öffentlich zugänglich, auch solche von Bundesräten. Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Adrian Lobsiger eröffnete darauf ein Verfahren gegen die Betreiber der Plattform.
• Kein Geld vom Bund für Impfstoffherstellung
Anfang März fragte die Walliser Pharmafirma Lonza beim Bund um staatliche Unterstützungsgelder für die Produktion des Moderna-Impfstoffs an. Gesundheitsminister Alain Berset verwarf diese Idee, weil Lonza kein Vorkaufsrecht auf Impfdosen anbieten konnte. Das BAG entschied, stattdessen mit Moderna zu verhandeln. Verschiedene Politiker forderten daraufhin, dass das BAG sämtliche Möglichkeiten ausreizt, um sich über staatliche Finanzierungen Vorteile in der Impfstoffbeschaffung zu sichern.
• Keine Reaktion auf Angebot
Im Dezember machte 20 Minuten publik, dass der Moskauer Botschafter Sergei Garmonin das BAG zweimal auf ein Angebot für den russischen Impfstoff Sputnik V aufmerksam machte. Das BAG reagierte laut Garmonin beide Male nicht. Das BAG dementierte nicht, dass die Angebote unbeantwortet blieben.
• Zu wenig und zu spät bestellt
Lediglich elf Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner in der Schweiz haben aktuell mindestens eine Dosis erhalten. In Israel und in Grossbritannien ist dagegen bereits die Hälfte der Bevölkerung geimpft. Experten kritisieren, dass die Schweiz zu spät und zu wenig Impfstoff bestellt habe. Andere Länder beschafften mehr und früher.
Mit Moderna einigte sich Israel Mitte Juni auf eine Vereinbarung für sechs Millionen Impfdosen, bevor die Wirksamkeit des Impfstoffs geklärt war. Auch sicherte sich Israel von Pfizer/Biontech priorisierte Impfstoff-Lieferungen, indem es das Übermitteln von Impfdaten garantierte. Auch die Briten bestellten frühzeitig grosse Impfstoffmengen. Nora Kronig begründete die Kritik mit einer diversifizierten Strategie der Schweiz. Strategisch werde überlegt, wie viele Dosen die Schweiz brauche und wolle.

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BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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