Bundesgericht urteilt: Erschlagen von der Mutter – neue Details zum Tod der kleinen E.A. (8)

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Bundesgericht urteiltErschlagen von der Mutter – neue Details zum Tod der kleinen E.A. (8)

Das Bundesgericht weist die Beschwerde von M.A.* gegen die Verlängerung ihrer Untersuchungshaft ab – und argumentiert, was an ihrer Darstellung glaubhaft oder nicht glaubhaft ist.

von
Lucas Orellano
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M.A. soll ihre Tochter E.A. (8) mit einem schweren Stein getötet haben. Das Bundesgericht stützt mit seinem Urteil die Argumentation des Berner Obergerichtes.

M.A. soll ihre Tochter E.A. (8) mit einem schweren Stein getötet haben. Das Bundesgericht stützt mit seinem Urteil die Argumentation des Berner Obergerichtes.

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Es sei plausibel, dass sie mit der Situation überfordert gewesen sei. 

Es sei plausibel, dass sie mit der Situation überfordert gewesen sei. 

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Ein Zwölfjähriger gibt an, er habe M.A. zur fraglichen Zeit gesehen. 

Ein Zwölfjähriger gibt an, er habe M.A. zur fraglichen Zeit gesehen. 

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Darum gehts

Anfang Februar verhaftete die Kantonspolizei Bern M.A.* Die Frau aus Niederwangen (Gemeinde Köniz BE) wird verdächtigt, ihre achtjährige Tochter E.A.* getötet zu haben. M.A. befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. Wie durch ein am Donnerstag publiziertes Urteil des Bundesgerichts nun bekannt wurde, hat M.A. versucht, die Verlängerung der U-Haft um sechs Monate zu verhindern.

Jedoch erfolglos. Das Bundesgericht wies die Beschwerde der jungen Mutter ab. Es hatte in der Sache entscheiden müssen, nachdem bereits das Obergericht des Kantons Bern am 27. Juli die Beschwerde von M.A. abgewiesen hatte, die Beschuldigte den Entscheid aber abwies. Dies aufgrund der Gefahr, dass M.A. versuchen könnte, Beweismittel zu verändern oder Zeuginnen und Zeugen zu beeinflussen. 

Für M.A. gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.

Was geschah am 1. Februar?

In der Urteilsbegründung macht das Bundesgericht detaillierte Angaben, wie der frühe Abend, an dem E.A. starb, abgelaufen sein könnte.

Laut Darstellung von M.A. hat ihre Tochter die Wohnung in Niederwangen am 1. Februar um ca. 16.30 Uhr verlassen, um eine Kollegin zu besuchen. Sie selber sei zuhause geblieben. Zwei Stunden später habe sie die Mutter von E.A.s Kollegin angerufen und erfahren, dass E.A. dort nie angekommen sei. Zusammen mit ihrer eigenen Mutter (also E.A.s Grossmutter) habe sie daraufhin ihre Tochter gesucht und schliesslich deren leblosen Körper im Wald gefunden – bei einem «Versteckli», das sie mit E.A. zusammen gebaut habe.

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Zwölfjähriger will M.A. gesehen haben

Dem widerspricht die Aussage eines Zwölfjährigen, der angab, er habe M.A. und E.A. am 1. Februar zwischen 16.40 und 17 Uhr gemeinsam in den Wald gehen sehen. Die Auswertung von Handydaten zeigte, dass der Zwölfjährige tatsächlich zum angegebenen Zeitpunkt am angegebenen Ort war. Damit kann zwar nicht bewiesen werden, dass der Junge die mutmassliche Täterin tatsächlich gesehen habe, es «erhöhe aber die Glaubhaftigkeit seiner ohnehin bereits glaubhaft erscheinenden Aussagen noch weiter», so das Obergericht. M.A. bestreitet diese Darstellung und die Glaubwürdigkeit des Jungen.

Die Auswertung von M.A.s Handydaten widersprechen laut Obergericht aber der Darstellung von M.A. Es sei auffällig, dass sie ihr Handy zwischen 15.59 und 16.43 Uhr zehn Mal bedient habe, aber zwischen 16.43 und 17.40 Uhr gar nicht – und genau in dieser Zeit war M.A. gesehen worden, wie sie in den Wald gegangen sein. Das Bundesgericht stimmt in dieser Argumentation dem Obergericht zu.

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Blutspuren an schwerem Stein

M.A. wird vorgeworfen, einen etwa acht Kilo schweren Stein als Tatwaffe verwendet zu haben. Die Untersuchung der Leiche hatte gezeigt, dass E.A. «infolge massiver stumpfer Gewalt gegen die rechte Kopfseite verstorben und Opfer eines Verbrechens geworden» sei.  Dieser Stein lag nach der Tat laut Kapo-Rapport etwa sechs Meter vom Leichenfundort entfernt. An ihm fand man Blutspuren und drei Haare von E.A. – sowie eine DNA-Kontaktspur von M.A. Diese streitet ab, den Stein als Tatwaffe verwendet zu haben und verweist darauf, dass das an ihren Händen Spuren hinterlassen hätte. 

Das lässt das Bundesgericht nicht gelten. «Die Beschwerdeführerin begründet nicht und es ist auch sonst nicht ersichtlich, weshalb die Verwendung eines schweren Steins als Tatwerkzeug zwingend Spuren an der Täterschaft hinterlassen soll», heisst es in dem Urteil. «Dass nebst der Hautabtragung an der linken Hand der Beschwerdeführerin keine weiteren Verletzungen oder Spuren an ihren Händen gefunden wurden, vermag daher den dringenden Tatverdacht nicht zu entkräften.» Ebenfalls wertet das Bundesgericht Aussagen von M.A. zum Stein als widersprüchlich und «taktisch motiviert».

Motiv: Trennung und Überforderung?

M.A. wird vorgeworfen, ihr Motiv für die Tat sei ihre Überforderung und die Unvereinbarkeit ihres Privatlebens und ihrer Rolle als Mutter. Dazu führt sie an, das sei wenig nachvollziehbar. Ihre Tochter sei ihr «Ein und Alles» gewesen. Dass das Mädchen für ihren früheren Partner ein Trennungsgrund gewesen sei, habe sie erst nach dem Tod von E.A. erfahren. Sie sei nach Aussage des früheren Partners mit dem Kind nicht überfordert gewesen und habe ein «harmonisches» und «liebevolles» Verhältnis zu ihr gehabt. 

Das Obergericht hatte bereits festgehalten, es sei aufgrund von Aussagen aus M.A.s Umfeld «zumindest plausibel», dass sie ihre Tochter «aus Überforderung und Unvereinbarkeit des Mutterseins mit dem gewünschten Privatleben getötet haben könnte». Und: «Sie sei vehement auf der Suche nach einem Partner gewesen. Dabei scheine ihre Tochter immer wieder ein Problem gewesen zu sein.» 

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Die Anteilnahme nach dem Tod von E.A. war gross.

Die Anteilnahme nach dem Tod von E.A. war gross.

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Dritttäterschaft unwahrscheinlich

Deshalb müsse M.A., so das Obergericht weiter, zumindest vermutet haben, ihre Tochter sei einer der Gründe gewesen, weshalb ihr vorheriger Partner die Beziehung mit ihr beendet habe. Aufgrund dieser Trennung habe sie auch den Zugang zu dessen WG verloren, wo sie zuvor praktisch jedes Wochenende gewesen sei, um Partys zu feiern. Und schliesslich sei die Tat kurze Zeit nach der Trennung verübt worden.

Das Bundesgericht stützt diesbezüglich das Urteil des Obergerichtes, ebenso in Bezug auf eine Dritttäterschaft, also die Möglichkeit, dass eine andere Person E.A. hätte getötet haben können. Das sei zwar nicht vollkommen ausgeschlossen, sei aber hinsichtlich der Beurteilung des Tatverdachts gegen M.A. irrelevant.

* Namen der Redaktion bekannt.

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