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Schikane am Zoll«Erst als ich ein intimes Foto zeigte, durfte ich über die Grenze»

Kushtrim K. will am Wochenende seinen Freund in Deutschland besuchen. Trotz einer unterzeichneten Beziehungs-Bestätigung lässt man ihn an der Grenze aber erst passieren, als er ein intimes Bild von ihm und seinem Partner zeigt.

von
Dafina Eshrefi
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Dieses Urlaubsfoto des Paares aus Paris reichte dem Zollbeamten nicht als Beweis für die Beziehung der beiden Männer.

Dieses Urlaubsfoto des Paares aus Paris reichte dem Zollbeamten nicht als Beweis für die Beziehung der beiden Männer.

Privat
Zuvor hatte K.* dem Zollbeamten diese von beiden Männern unterzeichnete Beziehungs-Bestätigung gezeigt.

Zuvor hatte K.* dem Zollbeamten diese von beiden Männern unterzeichnete Beziehungs-Bestätigung gezeigt.

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«Die unterzeichnete Beziehungs-Erklärung reichte bis anhin als Beweis immer aus», erklärt Kushtrim K.*

«Die unterzeichnete Beziehungs-Erklärung reichte bis anhin als Beweis immer aus», erklärt Kushtrim K.*

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Darum gehts:

  • Kushtrim K. wird von einem deutschen Beamten am Zoll laut eigenen Angaben schikaniert und blossgestellt.

  • Trotz Urlaubsbildern des Paares habe der Zollbeamte die Beziehung angezweifelt.

  • Erst als ihm K. ein intimes Foto zeigt, darf er die Grenze passieren.

«Ich stehe noch immer unter Schock und kann nicht fassen, was mir widerfahren ist», sagt Kushtrim K.* Am Samstagnachmittag sei er am Grenzübergang Kreuzlingen Konstanz von einem deutschen Beamten zu Unrecht «regelrecht schikaniert» worden. Dabei habe er lediglich seinen Freund in Konstanz (D) besuchen wollen. «Bisher klappte das immer problemlos.»

Für die Einreise von unverheirateten Partnern nach Deutschland gelten aufgrund der Corona-Situation momentan besondere Vorschriften. So sind Besuche grundsätzlich möglich, die Partnerschaft muss jedoch bei der Grenzüberquerung nachgewiesen werden können (siehe Box unten).

Eine solche schriftliche Erklärung habe bisher genügt, um die Grenze passieren zu können, sagt K. Als er am vergangenen Samstag einem deutschen Beamten die unterzeichnete Beziehungs-Bestätigung zeigt, habe dieser darauf bestanden, Fotos des Paares zu sichten. Auf seine Frage, ob das nötig und korrekt sei, sei der Zollbeamte laut geworden, erklärt K.: «Er schrie mich an, dass ich in die Schweiz zurückfahren kann, wenn es mir nicht passt. Ich war total perplex und stand unter Druck.»

Keine gemeinsamen Fotos

Als albanisch-stämmige Person sei er aus Angst vor Repressalien und Ausgrenzung nicht geoutet, sagt K. So besitze er praktisch keine gemeinsamen Bilder von sich und seinem Partner. «Auf Social Media habe ich kein einziges Foto von meinem Freund und mir», führt K. weiter aus. Er müsse sehr vorsichtig sein: «Meine Eltern sind strenggläubige Muslime, das würden sie nie verstehen.»

Erst nach einer langen Suche auf seinem Smartphone sei K. fündig geworden: «Ich zeigte dem Zöllner ein Bild von meinem Partner und mir in Paris vor dem Eiffelturm.» Jedoch habe das Bild dem Beamten nicht ausgereicht. «Er verlangte mehr Fotos.» Doch auch weitere Bilder der beiden Männer hätten den Zöllner von der Beziehung nicht überzeugen können. K.: «Selbst ein Foto meines Partners in Unterwäsche genügte nicht als Beweis.»

«Ich fühlte mich dreckig und blossgestellt!»

Er sei nervös geworden, erklärt K. weiter: «Ich stand so unter Druck, dass ich keinen anderen Ausweg sah, als dem Zöllner ein Bild zu zeigen, auf dem mein Gesicht und der Penis meines Freundes darauf zu erkennen ist.» Erst nach der Durchsicht des intimen Bildes habe ihn der Zöllner durchgewinkt. «Ich fühle mich so dreckig und blossgestellt – als wäre ich ein Mensch zweiter Klasse.» Ihm stelle sich die Frage, ob das einem Hetero-Paar auch passiert wäre.

Nun will K. sich wehren: Beim zuständigen Hauptzollamt in Singen (DE) hat er mittlerweile Beschwerde eingereicht, wie das Amt auf Anfrage von 20 Minuten bestätigt. Die Kontrolle sei am besagten Datum jedoch nicht von Beamten der Zollverwaltung durchgeführt worden. Eine Stellungnahme der Bundespolizei Deutschland steht noch aus.

Bundespolizei weist Vorwürfe zurück

Die Bundespolizeidirektion Stuttgart nimmt am 20. Januar Stellung zu den Vorwürfen. Die Kontrolle habe zwar stattgefunden, jedoch seien die Anschuldigungen «haltlos»: Der Bundespolizist habe lediglich nachgefragt, ob der Mann die Lebenspartnerschaft nachweisen könne. «Daraufhin zeigte der Mann dem Bundespolizisten unaufgefordert mehrere Fotos aus einer Entfernung von etwa 50 cm vor», teilt die Pressestelle mit. Die Beamten hätten weder das Telefon in die Hand genommen, noch den Mann angeschrien, schreibt die Bundespolizeidirektion. «Die Vorwürfe der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung des Mannes weisen wir hiermit entschieden zurück.»

Roman Heggli, Geschäftsleiter von Pink Cross, dem nationalen Dachverband der schwulen und bisexuellen Männer, erklärt gegenüber 20 Minuten: «Dieser Vorfall schockiert mich sehr. Es darf nicht sein, dass jemand zu so etwas gedrängt wird.» Von den deutschen Behörden erwarte er, dass der Fall aufgeklärt und intern seriös aufarbeitet werde.

*Name der Redaktion bekannt

Regelung für Deutschland

Einreise von unverheirateten Partnern

Die Einreise für unverheiratete Partner nach Deutschland ist für kurzfristige Besuche grundsätzlich möglich, wenn es sich um eine längerfristige Beziehung oder Partnerschaft handelt und die allgemeinen Einreisebestimmungen erfüllt werden. Die Partner müssen sich zuvor mindestens einmal persönlich getroffen haben.

Als Nachweis für die Beziehung sind bei der Einreise folgende Unterlagen mitzuführen:

  • Eine Einladung der in Deutschland wohnhaften Person nebst Kopie der Ausweispapiere des Einladenden.

  • Eine Erklärung beider Partner zur Beziehung und die Kontaktdaten beider Partner.

  • Sonstige Nachweise von vorherigen persönlichen Treffen in geeigneter Form, insbesondere anhand von Passstempeln bzw. Reiseunterlagen/Flugtickets; eine ergänzende Dokumentation durch Fotos, Social Media, Brief-/Mailkorrespondenz ist möglich.

Die Entscheidung über die Gestattung einer Einreise liegt jedoch im «pflichtgemässen Ermessen der Beamtinnen und Beamten», heisst es auf der Internetseite der Bundespolizei Deutschland.

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