Ex-AAD-10-Mitglied: «Erst im Notfall wird das Flugzeug gestürmt»
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Ex-AAD-10-Mitglied«Erst im Notfall wird das Flugzeug gestürmt»

Flugzeugentführungen gehören zu den heikelsten Aufträgen für Sondereinheiten. Wie gehen sie dabei vor? Ein ehemaliger AAD-10-Angehöriger erzählt.

von
num

Herr Bader, wie geht die Polizei bei einer Flugzeugentführung vor?

Roman Bader: Einsatzmittel und -taktiken sind vertraulich, da darf ich nichts verraten. Aber grundsätzlich ist es so, dass die Polizei als Erstes versucht, so viele Infos wie möglich über den oder die Entführer zu sammeln.

Welche Rolle spielt das für den Einsatz?

Es gibt zwei Typen: Ein Terrorist, also einer, der die Tat geplant hat und über die Polizei und ihre Mittel und Taktiken Bescheid weiss. Oder ein Verzweiflungstäter, also ein unberechenbarer Geiselnehmer, der aus einem Kurzschlussimpuls handelt. Das zu wissen, ist wichtig für das Festlegen der Taktik. Und es muss abgeklärt werden, was der Täter überhaupt will. Aufgrund dieser Forderungen kann ebenfalls abgeschätzt werden, mit welchem Profil man es zu tun hat.

Was muss die Polizei über die Geiseln wissen?

Zunächst will sie wissen, wer im Flugzeug sitzt. Ist ein Schläfer darunter? Also jemand, der auf der Seite der Entführer steht? Oder vielleicht sogar ein Polizist, der im Ernstfall nützlich sein könnte? Jede Information kann nützlich sein.

Die Geiseln mussten in Genf das Flugzeug mit erhobenen Händen verlassen.

Die Geiseln werden – solange nicht sicher ist, dass ein Schläfer unter ihnen ist – nicht anders behandelt als der Geiselnehmer. Das ist für die Passagiere nicht angenehm, aber nun mal notwendig.

Was ist für die Taktik ausschlaggebend?

Bei «normalen» Entführungen am Boden wägt die Einsatzleitung der Spezialeinheit einige Varianten mit verschiedenen Risiken ab. Die Entscheidung, welche Mittel man schlussendlich anwendet, wird dann von einem Mitglied der Regierung abgesegnet. Es muss sich danach für die Wahl der Einsatzmittel auch verantworten.

Ab wann stürmt man ein Flugzeug?

Natürlich wird versucht, die Entführung mittels Verhandlungen zu lösen. Man versucht, möglichst ohne Verletzte oder gar Tote den Geiselnehmer zum Aufgeben zu bringen. Bis dahin kann es aber lange dauern. Nur weil nach drei Stunden noch keine Lösung gefunden wurde, heisst das nicht, dass man die Situation eskalieren lässt und Tote riskiert. Erst im äussersten Notfall wird das Flugzeug gestürmt.

Das heisst?

Wenn sich die Bedrohungslage akut erhöht. Also wenn ein Geiselnehmer damit droht, die Menschen umzubringen. Oder sagt, er sprenge das Flugzeug in die Luft. Dann wird so versucht, ihn davon abzuhalten.

Aber es ist schwieriger, ein Flugzeug zu stürmen als ein Haus.

Natürlich, aber die Spezialeinheiten haben auch dafür ihre Mittel, glauben Sie mir. Solche Einsätze werden regelmässig geübt.

Wie gehen die Mitglieder der Sondereinheit psychisch damit um, dass sich statt drei Geiseln etwa 200 Personen in Gefahr befinden?

Die Leute bereiten sich nicht anders auf einen solchen Einsatz vor als sonst. Aber Mitglieder der Spezialeinheit müssen sowieso psychisch stabil sein. Das ist gerade ihre Stärke: Ständig ändernde Situationen adaptieren zu können und in den entscheidenden Momenten überlegt handeln zu können. Ich kenne einige und ich erlebe diese als ruhige Typen, die auch in Extremsituationen einen klaren Kopf behalten können.

Roman Bader ist ehemaliger Profisoldat des Armee-Aufklärungsdetachements 10 (AAD 10). Heute bietet er Abenteuer-Events an - darunter auch ein Swat-Training (Swat: Special Weapons and Tactics).

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