Dalai Lama in Frankreich: Erst kommt das Geschäft - dann die Moral
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Dalai Lama in FrankreichErst kommt das Geschäft - dann die Moral

Nicolas Sarkozy schickt Ehefrau Carla Bruni zum Treffen mit dem Dalai Lama. Selber macht der französische Präsident lieber Atomgeschäfte mit China.

Am Montag ist der Dalai Lama zu einem zwölftägigen Besuch in Frankreich eingetroffen. Zum Abschluss der als rein «religiös» bezeichneten Visite wird das geistliche Oberhaupt der Tibeter einen buddhistischen Tempel in Roqueronde in Südfrankreich einweihen. An der Zeremonie teilnehmen wird Carla Bruni-Sarkozy, die Frau des französischen Staatspräsidenten. Eine in jeder Beziehung elegante Lösung für ein Dilemma.

Noch im Frühjahr hatte Nicolas Sarkozy unter dem Eindruck der Unruhen in Tibet erklärt, er wolle den Friedensnobelpreisträger bei seinem Frankreich-Besuch im Sommer treffen. Dann kamen die Ausschreitungen bei der olympischen Fackellauf-Etappe in Paris. Sie beschädigten das Image Frankreichs in China und führten unter anderem zu Gegendemonstrationen vor Filialen der Supermarktkette Carrefour.

Acht Milliarden auf dem Spiel

Der chinesische Botschafter reagierte scharf auf den möglichen Empfang für den «Sezessionisten» im Elysée-Palast und drohte mit «schlimmen Folgen» für das französisch-chinesische Verhältnis. China würde etwa gewisse Vertragsabschlüsse überdenken. Auf diesem Ohr hört der französische Staatschef besonders gut. Denn zur Unterschrift bereit war ein Vertrag zwischen der Electricité de France (EDF), dem grössten Energiekonzern Europas, und dem chinesischen Konzern Guangdong Nuclear Power über den Bau von zwei Atomkraftwerken im Umfang von acht Milliarden Euro.

Sarkozy handelte entsprechend: Er reiste zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele nach Peking, wo er mit dem chinesischen Staatschef Hu Jintao den Vertragsabschluss besiegelte. Rechzeitig vor dem Abflug hatte der Elysée-Palast bekannt gegeben, dass ein Treffen des Präsidenten mit dem Dalai Lama nicht stattfinden werde, mit der eigenartig wirkenden Begründung, der Gast aus Indien habe selber «keine Unterredung während seines Aufenthalts in Frankreich» gewünscht.

Treffen wäre eine «Provokation»

Vertraute des tibetischen Oberhaupts bestätigten gegenüber «Le Monde» jedoch, dass eine solche Begegnung ausgerechnet während den Olympischen Spielen eine «Provokation» wäre. Der Dalai Lama wolle seine Frankreich-Reise aus Respekt vor dem olympischen Gedanken auf ihre «spirituelle Dimension» beschränken.

Kritiker zeigten sich trotzdem enttäuscht darüber, dass Sarkozy den Dalai Lama im Gegensatz zur deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel oder dem britischen Premierminister Gordon Brown nicht empfangen will. Sie erinnerten daran, dass sich Frankreich mit dem Dalai Lama traditionell schwer getan hat. Erst 1982 hatte er erstmals ein Einreisevisum erhalten. Berater von Nicolas Sarkozy erklärten, es könne «später» zu einem Treffen kommen. Wann dies sein soll, ist unklar.

(pbl)

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