Aktionskünstler Roman Signer: Erst von HSG verschmäht, dann sprengte er Skulptur
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Aktionskünstler Roman SignerErst von HSG verschmäht, dann sprengte er Skulptur

Der Ostschweizer Künstler Roman Signer erhitzte oft die Gemüter, wird aber dennnoch geliebt und lässt es gerne krachen, beziehungsweise explodieren.

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Diese  Eimer liess Künstler Roman Signer anlässlich einer Kunstaktion in der Giessereihalle im Puls 5 in Zürich, am Donnerstag, 16. Juni 2005 tanzen.

Diese Eimer liess Künstler Roman Signer anlässlich einer Kunstaktion in der Giessereihalle im Puls 5 in Zürich, am Donnerstag, 16. Juni 2005 tanzen.

Keystone/Walter Bieri
Dafür wurden 200 Eimer mit Dynamit gefüllt.

Dafür wurden 200 Eimer mit Dynamit gefüllt.

Keystone/Walter Bieri
Ausgelöst wurde die Kettenreaktion mit einer Pistole.

Ausgelöst wurde die Kettenreaktion mit einer Pistole.

Keystone/Walter Bieri

Roman Signer zieht ein künstlerisches Donnerwetter an Zeitskulpturen hinter sich her: Wasserspeiende Gummistiefel und explodierende Chefsessel gehören genauso zum Schaffen des St. Galler Aktionskünstler wie schwebende Kajaks und rieselnder Sand. Am 19. Mai wird er 80.

Bei Roman Signer muss es nicht nur ordentlich knallen, sondern es braucht auch immer Humor. In seiner Kunst schiesst und zischt es gerne, was ihm bei manch einem den Ruf des Spektakelkünstlers einbrachte.

Feuerwerk aus Fenstern und fliegende Stühle. (Video: Youtube/lyplo)

Petition gegen Brunnen

Signer verkraftet das mit einem verschmitzten Schalk, der auch seinem Werk innewohnt. Roman Signer ist ein Künstler von Weltrang. Seine Aktionen sind Legende, seine internationalen Ausstellungen füllen inzwischen Bände. Auch die anfänglichen Anfeindungen und Verschmähungen konnten ihm nichts anhaben.

1987 erhitzte er mit seinem roten «Wasserturm» im St. Galler Grabenpärkli die Gemüter. Eine Petition mit 4000 Unterschriften verlangte die Entfernung des Brunnens, der aber immer noch munter sein Wasser am alten Standort versprüht.

Ablehnung an HSG

Zehn Jahre später verschmähte die Universität St. Gallen (HSG) das Werk Signers und stellte stattdessen eine Eisenfigur von Bernhard Luginbühl auf das Unigelände. Inzwischen hat die HSG mehrere Videoarbeiten von Signer in ihrer Kunstsammlung und 2011 sprengte der Künstler im Rahmen einer Vorlesungsreihe eine Skulptur vor dem Hauptgebäude.

Roman Signer wuchs in Appenzell auf. Nach einer Bauzeichnerlehre absolvierte er in Zürich und Luzern den Vorkurs und die Bildhauerklasse, bevor er sich Anfang der 1970-er Jahre in Warschau weiterbildete. Dort lernte er seine Frau, die Künstlerin Aleksandra Rogowiec, kennen. Seit 1971 lebt Signer in St. Gallen.

300'000 Blatt Papier in die Luft gesprengt

Als freischaffender Künstler erlangte er mit seiner Aktionskunst am Bau und im öffentlichen Raum hohe nationale und internationale Anerkennung. Seit er 1987 zum Abschluss der Documenta 8 in Kassel 300'000 Blatt weisses Papier in die Luft katapultierte, verfolgt ihn der Ruf eines Sprengmeisters.

Dieser Ruf wird Signers Schaffen nicht gerecht. Was ihn interessiert, ist nicht der Knall, sondern die Transformation, welche die Explosion auslöst. Er wolle die Sprengungen orchestrieren, sagt Signer.

300'000 Blatt Papier fliegen durch die Luft. Video: (Youtube/Arte Tracks)

1989 hat sich der Künstler mit seiner «Aktion mit einer Zündschnur» von seinem Geburtsort verabschiedet und sich in 35 Tagen unendlich langsam entlang brennender Schnüre ins 20 Kilometer entfernte St. Gallen abgesetzt.

Klang und Bewegung

1999 bespielte er an der Biennale in Venedig den Schweizer Pavillon. Einzelausstellungen fanden auch in den Niederlanden, in Deutschland, Österreich, England, Irland, den USA und in Japan statt.

Die grosse Werkschau Roman Signers, die 2003 in der Lokremise der Sammlung Hauser und Wirth gezeigt wurde, breitete die ganze Weite seines künstlerischen Schaffens aus und lockte ein grosses Publikum nach St. Gallen.

Mit einer Aktion im rohen Gebäude machte er deutlich, wie wichtig Klang und Bewegung in der Lokremise sind: Auf dem Rücksitz einer schweren Maschine, begleitet von einer Eskorte weiterer Motorräder, kurvte er durch die Halle und hielt über Megaphon eine «Führung».

Nicht ohne Natur

Nichts geht bei Signer ohne die Natur und deren Kräfte. Er forscht, experimentiert mit Fantasie und anarchistischer Lust. Viele Arbeiten Signers verharren nicht nur in ihrem Potenzial. Sie werden zu Ereignissen umgesetzt. Dann übernimmt die Natur den aktiven Part. «Sie vollendet mein Werk», sagt Roman Signer. Und immer steht der Zufall dabei Pate.

Der «singende Tisch» erhebt sich Dank Wasserdruck. Die Instalation steht in Appenzell bei der Sitter. (Video: Youtube/Urs Simmen)

Signer habe die Skulptur revolutioniert und einen singulären Skulpturbegriff geschaffen, für den sein Werk heute steht: das Sichtbarmachen von Prozessen und die Entmaterialisierung der Form, schreibt Museumsdirektor Roland Wäspe, der die kommende Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen kuratiert.

Die Einzelausstellung dauert vom 26. Mai bis 12. August. (sda)

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