Aktualisiert 22.06.2013 07:10

Bieler Notfallarzt

«Erstaunlich, gabs nicht mehr Schwerverletzte»

Notfall-Chefarzt Claudio Jenni hat sich am Donnerstagabend mit seinem Team um 38 der 76 Verletzten vom Turnfest gekümmert. Erstmals war das Spitalzentrum Biel im Katastrophen-Modus.

von
Nina Jecker, Biel

Herr Jenni, was war am Donnerstagabend bei Ihnen auf dem Notfall los?

Claudio Jenni: Um 19.10 Uhr wurde ich alarmiert. Wir haben ein Dispositiv für besondere Lagen. Das wird jedes Jahr zweimal geübt, aber gestern herrschte zum ersten Mal der Ernstfall. 38 Verletzte wurden vom Turnfest bei uns eingeliefert. Eine Person mit schwerem Schädel- und Hirntrauma haben wir ans Inselspital überwiesen, da wir solche Verletzungen hier nicht versorgen. Die restlichen Patienten wurden bei uns versorgt.

Wie sieht so ein Katastrophendispositiv aus?

Es gibt ein Führungsteam, zusammengesetzt aus Vertretern aus allen Bereichen des Spitals. Wir haben ausserdem rund 60 zusätzliche Mitarbeiter aufgeboten, Ärzte, Pflegepersonal, Care-Team genauso wie Reinigungsteams und Küchenmitarbeiter. Jede halbe Stunde findet eine Standortsitzung statt, bei der die Lage analysiert wird. Die letzte gestern Abend war um 22.30 Uhr. Dort wurde beschlossen, wieder auf Normalbetrieb zu schalten.

Mit welchen Verletzungen waren Sie konfrontiert?

Viele Personen waren leicht verletzt und konnten noch am Abend entlassen werden. Sie wiesen vor allem Prellungen, Splitter, Verstauchungen und viele Riss-Quetschwunden auf, die genäht werden mussten. Eine Patientin wies Verätzungen auf. Sie war von einem im Sturm herumwirbelnden Toi-Toi-WC getroffen worden. Es sah aus wie ein sehr schwerer Sonnenbrand.

Nicht alle durften am Abend wieder heim?

Nein, acht Personen mussten wir hospitalisieren. Darunter war eine komplexe Handverletzung, Beinfrakturen schwereren Grades und eine Schulterverletzung. Von denen, die hier bei uns Spital sind, wird aber niemand bleibende Schäden davontragen. Ich kann jedoch nicht für die Patienten in anderen Krankenhäusern sprechen.

Wie konnte man die schwereren Verletzungen versorgen?

Insgesamt mussten rund fünf Patienten notfallmässig operiert werden. Bis Mitternacht waren deswegen extra zwei zusätzliche Operationssäle in Betrieb. Dann gingen wir auch da auf Normalbetrieb zurück. Die Chirurgen waren aber bis 2.30 Uhr morgens an der Arbeit.

Wie beurteilen Sie als Arzt, was gestern passiert ist?

Gemessen am Schadenereignis ist es erstaunlich, dass es nicht mehr Schwerverletzte gegeben hat. Immerhin ist das ganze grosse Zelt über den Festteilnehmern regelrecht zusammengebrochen.

Im Spital ist heute alles wieder im normalen Gang?

Noch gestern sah es auf der Notfallstation ein bisschen wie ein Lazarett aus. Aber man muss ja nicht verheimlichen, dass in Biel eine Katastrophe passiert ist. Heute herrscht wieder Normalbetrieb. Und ich bin sehr zufrieden, wie unser Katastrophen-Dispositiv funktioniert hat und wie alle Mitarbeitenden ruhig und besonnen am Werk waren.

Mehr Verletzte als angenommen

Das Unwetter, das am Donnerstagabend das Eidgenössische Turnfest in Biel überschattete, hat nach Erkenntnissen der Berner Kantonspolizei 76 Verletzte gefordert, 15 befinden sich noch in diversen Spitälern.

Die Rettungskräfte brachten 39 Verletzte mit mehreren Ambulanzen in Spitalpflege, wie die Kantonspolizei Bern am späten Freitagnachmittag mitteilte.

Inzwischen habe man Kenntnis, dass sich nach dem Unwetter zeitweise 76 Personen zeitweise in einem Spital befunden hätten, heisst es in der Mitteilung weiter. Viele Verletzte hätten sich selbständig in Kliniken begeben.

Nach aktuellem Kenntnisstand der Polizei wurden bei dem Unwetter ein Mann und eine Frau schwer verletzt. Nähere Angaben zu den Verletzungen macht die Polizei aus Rücksicht auf das Arztgeheimnis nicht.

Die Polizei hat derweil Ermittlungen zu den Vorfällen aufgenommen, um die genauen Umstände zu klären. Unter anderem wird untersucht, wie sich die Betroffenen verletzten.

Um den Hergang zu rekonstruieren, setzten Spezialisten der Polizei in Ipsach auch technische Hilfsmittel ein, namentlich einen Mini-Helikopter und einen Scanner. Zudem wurden mehrere Personen befragt. Weitere Befragungen stehen an.

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