Aktualisiert 07.03.2011 10:28

Zürich

Erste Begegnung seit Holocaust

1944 kamen rund 1700 Juden mit dem Zug aus Ungarn in die Schweiz. Überlebende trafen sich gestern an einer Filmpremiere zum ersten Mal wieder.

von
Deborah Sutter
Kinder im Kasztner-Zug: Das Bild stammt aus dem Film «Killing Kasztner» von Gaylen Ross. (Foto: Izhak Weinberg)

Kinder im Kasztner-Zug: Das Bild stammt aus dem Film «Killing Kasztner» von Gaylen Ross. (Foto: Izhak Weinberg)

«Die Erinnerung an unsere Odyssee in die Schweiz ist für mich enorm aufwühlend. Es kommt alles wieder hoch», erzählt Suzanne Gundelfinger-Freud in ihrer Wohnung im Zürcher Seefeld. Sie erinnert sich daran, wie ihre Familie in sogenannten Judenhäusern untergebracht wurde. Später dann der überraschende Abtransport: «Wir mussten in Viehwaggons kriechen, etwa 57 Personen zusammen. In der Mitte gab es einen Eimer mit Wasser und einen als Toilette», so Gundelfinger-Freud. «Dass andere Transporte in Vernichtungslager gegangen sind, das wussten wir. Klar hatten wir Angst.»

Der Zug hielt nach einigen Tagen im österreichischen Linz: «Es hiess, wir würden hier desinfiziert. Wir mussten uns ausziehen, da entdeckte ich entlang der Wände Kisten mit der Aufschrift ‹Zyankali›.» Sie hätten alle gewusst, wozu das Gift benutzt wurde, aber weglaufen hätten sie ja nicht gekonnt. Entgegen allen Befürchtungen konnten sie normal duschen. Erneute Todesangst dann beim Konzentrationslager Bergen-Belsen: Die Gruppe des sogenannten Kasztner-Zuges wurde festgehalten. Dem ungarischen Juden Rudolf Kasztner war es gelungen, den Zug zu organisieren; seinem Verhandlungsgeschick ist es zu verdanken, dass er bis in die Schweiz weiterfahren durfte.

Kasztner wurde 1957 in Tel Aviv erschossen, weil er von einigen als Kollaborateur der Nazis gesehen wurde – seinem Leben ist nun ein preis­gekrönter Dokumentarfilm gewidmet.

Anlässlich der Premiere gestern in Zürich traf Suzanne Gundelfinger-Freud andere Überlebende des Transports – teils zum ersten Mal seit 65 Jahren. «Es ist bewegend, diese Menschen wiederzusehen, aber ich bin froh, wenn ich die schlimme Geschichte endlich ruhen lassen kann.»

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