Chirurgie: Erste erfolgreiche Arm-Transplantation weltweit

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ChirurgieErste erfolgreiche Arm-Transplantation weltweit

Vor zwei Monaten hat ein 54-Jähriger nach einem Unfall neue Arme erhalten. Was bis dato keiner für möglich gehalten hat, wird für den Landwirt wahr: Alles deutet darauf hin, dass er bald selber wieder anpacken kann.

Karl Merk ist glücklich. «Das sind meine Arme und ich gebe sie nicht mehr her», sagt er mit fester Stimme. Erst vor gut zwei Monaten hat der 54-jährige seine neuen Gliedmassen erhalten. Es war die grösste Transplantation, die je durchgeführt wurde - zudem das erste Mal, dass komplette Arme verpflanzt wurden. Doch für Merk zählen nicht diese medizinischen Superlative, sondern, dass er sechs Jahre nach einem schweren Unfall endlich wieder Arme hat und die Ärzte vom Klinikum rechts der Isar sagen, dass alles gut läuft.

Neue sind dicker als die alten

«Das war wirklich überwältigend, als ich gesehen habe, dass ich wieder beide Arme habe. Das ist wirklich unvorstellbar, wenn man sechs Jahre ohne Arme gelebt hat», so beschreibt er den Moment, als er nach der 15-stündigen Operation erwachte. «Ich bin so froh, dass ich sie wiederhabe.»

Heute sieht Merk beinahe wie ein Patient aus, der sich nur die Arme gebrochen hat. Noch kann er sie nicht selbst heben, und so liegen sie auf einem Gestell, das über seine Schultern hängt. Die Operation verraten nur zwei tief eingeschnittene Narben, die rund um die Oberarme laufen, und die Tatsache, dass die Arme unterhalb der Nahtstelle dicker sind. Merks neue Gliedmassen sind ein bisschen grösser als seine alten.

Seine eigenen Arme hat der Landwirt vor sechs Jahren verloren, als er in einen Maishäcksler geriet. Er erzählt davon in derselben, scheinbar unerschütterlichen Ruhe, mit der er auch über seine Operation spricht. Er sei auf dem nassen Boden ausgerutscht und mit seiner linken Hand zwischen zwei Walzen gekommen, die sie hineingezogen habe. In einer Reflexbewegung habe er sie herausziehen wollen, und so auch den zweiten Arm verloren. «In fünf Sekunden war alles vorbei.»

TV als Informant

Damals habe er lange gebraucht, bis er kapiert habe, was eigentlich passiert sei, erzählt Merk. Mit seinen Prothesen habe er nichts anfangen können und deswegen schon lange auf eine Transplantation gehofft. Über das Fernsehen wurde er auf die Münchner Ärzte aufmerksam und trat mit ihnen in Kontakt.

Die sind glücklich, in Merk einen «fantastischen Empfänger» gefunden zu haben, wie Edgar Biemer erzählt, einer der beiden Leiter des 40-köpfigen Operationsteams. Für eine Transplantation der Arme brauche man eine unwahrscheinlich stabile Persönlichkeit und ein stabiles Umfeld, betont er. Merk habe «einiges durchmachen müssen», sagt Biemer. Auch der andere Leiter des Operationsteams, Christoph Höhnke, betont, wie schwer die Operation und die Zeit danach für Merk waren.

Kühnste Erwartungen erfüllt

Doch der Landwirt scheint die Belastungen gut zu überstehen. «Ich habe sechs Jahre ohne Arme gelebt. Da macht einem nichts mehr was aus», sagt er. Auch jetzt, zwei Monate nach der Operation habe sein Patient im Krankenhaus noch eine 40-Stunden-Woche zu absolvieren, sagt Höhnke. Krankengymnastik und Elektrotherapie sollen die Arme erhalten. Dazu kommt eine neurokognitive Therapie: Merk müsse lernen, dass er wieder Arme habe, sagt Höhnke. Mit dem Verlauf der Transplantation und den Fortschritten seither ist er mehr als zufrieden: «Insgesamt sind unsere kühnsten Erwartungen fast erfüllt worden.»

Es ist nicht selbstverständlich, dass es Merk gut zwei Monate nach der Operation so gut geht. Mit den Armen sei viel Haut transplantiert worden, sagen die Ärzte. Diese könne eine starke Immunreaktion des Empfängers gegen das Implantat auslösen: die bei Verpflanzungen gefürchtete Abstossung. Gleichzeitig könne das Mark in den Armknochen eigene Abwehrkräfte aufbauen und damit den Körper des Empfängers angreifen. Deswegen behandle man ihn mit einer Mischung aus verschiedenen Medikamenten. Insgesamt brauche Merk aber relativ geringe Dosen.

Nerven brauchen zwei Jahre

«Dass ich wieder selber Essen kann, dass ich mich wieder anziehen kann und dass ich wieder mit dem Motorrad fahren kann», das hofft Merk, wenn er seine Arme wieder vollständig bewegen kann. Doch so gut er sich seit der Operation entwickelt hat, bis dahin muss er sich noch lange gedulden. Die Nerven wachsen pro Tag nur einen Millimeter weit in die Arme hinein, so dass es eineinhalb bis zwei Jahre dauern kann, bis sie bei den Händen ankommen. Erst dann wird auch klar werden, ob und wie gut er sie bewegen kann.

Doch jetzt ist für Merk erst mal wichtig, dass er mit seinen Armen schon wieder Türen öffnen und das Licht ein und ausschalten kann. Und «dass ich jetzt bald mal heim kann». Bis dahin sind es nur noch vier bis sechs Wochen.

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