Schweizer Lohntransparenz: Erste Firmen schreiben Lohn in Stelleninserate
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Schweizer LohntransparenzErste Firmen schreiben Lohn in Stelleninserate

Über Geld spricht man nicht - oder erst ganz am Schluss des Bewerbungsgesprächs. Nun publizieren erste Firmen den Lohn bereits im Stelleninserat. Was bringt diese Transparenz?

von
Sandro Spaeth

In Inseraten hat gewöhnlich jeder Artikel seinen Preis: vom Auto bis zur Zigarettenpackung. Nur in Schweizer Stelleninseraten findet sich der Preis für einen Monat Arbeit nie. Warum? Weil es schon immer so war. In der Schweiz herrscht in Sachen Lohn höchste Diskretion.

Doch genau dies scheint sich nun zu ändern. Wer im Internet ein Inserat der Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ) anschaut, erfährt: Der Jahreslohn für einen derzeit gesuchten Bahningenieur liegt zwischen 105'000 und 140'000 Franken. Und für den unter dreissigjährigen Busfahrer sind es monatlich 5455 Franken. «Die Bewerber geben alles von sich preis, darum machen wir das auch», sagt VBZ-Personalchef Jörg Buckmann im Gespräch mit 20 Minuten. Die VBZ - sie beschäftigt 2600 Mitarbeiter - wolle ein Vorbild in Sachen Transparenz sein.

Lohn als Anreiz Nummer 1

Noch sind die VBZ aber nahezu allein auf weiter Flur. 20 Minuten weiss jedoch, dass ein Regionalspital in der Region Zürich Ähnliches plant. Der Vorteil der Lohntransparenz: Der Bewerber weiss sofort, wo er mit dem neuen Job in finanzieller Hinsicht steht. «Es spart viel Zeit, wenn wir uns nur mit jenen Kandidaten näher auseinandersetzen, deren Lohnvorstellungen sich mit unseren decken», sagt Buckmann. Bis jetzt hätte man mit der Transparenz nur gute Erfahrungen gemacht.

Natürlich ruft die Transparenz auch Warner auf den Plan. Angaben zum Monatssalär würden jene Leute anziehen, die sich vor allem über den Lohn und nicht über den Arbeitsinhalt motivieren liessen, heisst es in Recruiter-Kreisen. Zudem schliesst die Lohntransparenz sozusagen aus, dass eine Firma auch jemanden gefunden hätte, der den Job für weniger Geld genauso gut erledigt hätte.

Keine Angst vor Lohntransparenz

Ein Befürworter der Lohntransparenz ist Matthias Mölleney, Leiter des Bereichs Human Resources Management an der Hochschule für Wirtschaft Zürich: «Hat eine Firma ein definiertes, faires Lohnsystem, gibt es keinen Spielraum für Verhandlungen und die Frage nach den Lohnvorstellungen ist überflüssig», sagt der ehemalige Personalchef von Swissair zu 20 Minuten. Mölleney geht davon aus, dass die Lohntransparenz in Stelleninseraten weiter zunehmen wird: «Die nächste Generation, die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommt, hat viel weniger ein Problem damit, wenn andere über den eigenen Lohn Bescheid wissen.»

Fragt man die Bewerber, was sie in einem Stelleninserat vermissen, scheinen die VBZ mit der Offensive richtig zu liegen. So nennen 74 Prozent der Kandidaten Angaben zum Lohn, wie eine Ende 2013 durchgeführte Studie der Job-Börse Stepstone ergeben hat. Weitere 40 Prozent wünschen sich zudem Informationen über «zusätzliche Leistungen des Arbeitgebers», sprich Lohnnebenleistungen wie Firmenwagen, Mobiltelefon oder Bahn-Abos.

Deals aus der Nachkriegszeit

Woher kommt eigentlich das Schweizer Tabu, in Stelleninseraten den Lohn zu erwähnen? Wer zu diesem Thema recherchiert, findet die Information zu Übereinkünften aus der Nachkriegszeit. Während des Wirtschaftsaufschwungs hätten die Arbeitgeber vereinbart, in Stelleninseraten die Summen aus Angst vor Lohntreiberei nicht zu nennen.

«Es ist gut möglich, dass es solche Übereinkünfte gab. In den späten Fünfziger- und den Sechzigerjahren waren die effektiven Löhne aufgrund des Wirtschaftsaufschwungs höher als die Löhne in den Gesamtarbeitsverträgen», sagt Wirtschaftshistoriker Bernard Degen von der Universität Basel zu 20 Minuten.

Glasnost in Österreich

In Österreichs Arbeitsmarkt herrscht Transparenz. Seit Frühjahr 2011 sind die Arbeitgeber über das Gleichstellungsgesetzt verpflichtet, in ihren Stellenausschreibungen den Mindestlohn anzugeben. Ob die Transparenz aber zwischen den Geschlechtern für gleichlange Spiesse im Lohngespräch gesorgt hat, ist umstritten. Oftmals nämlich wird der Mindestlohn laut Kritikern so tief angesetzt, dass es dennoch viel Spielraum für Verhandlungen besteht. Nichts Aussergewöhnliches sind Angaben zum Lohn in Stelleninseraten auch in den USA. (sas)

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