Erste Kinder-Uni: Professor mit Lampenfieber
Aktualisiert

Erste Kinder-Uni: Professor mit Lampenfieber

Aufgeregte Kinder im Bus Nummer 5 zur Universität St. Gallen: «Universität?» fragen sie und wollen eine Haltestelle zu früh aussteigen.

Eine ganze Klasse geht in die erste Kinder-Uni am Mittwochnachmittag. «Sind alle da?» fragt der Lehrer und befiehlt «Abzählen». Dann marschiert die kleine Gruppe ziemlich diszipliniert zur Universität. Die Regeln der Kinder-Uni: «Das Universitätsgelände ist kein Spielplatz. Herumspringen und schreien sind verboten.»

Lampenfieber

Der erste Dozent der ersten St. Galler Kinder-Uni, Franz Jaeger- in den 70-er und 80-er Jahren St. Galler Nationalrat (Landesring der Unabhängigen) - ist ebenso aufgeregt wie die Kinder: «Ich hatte noch nie so sehr Lampenfieber», sagt er.

Die erste Kinder-Uni der Schweiz ist eine Gemeinschaftsproduktion der Familie Jaeger - so HSG-Rektor Peter Gomez: Die Idee stammt von Jaegers Tochter Anna-Thea (10), Eva Nietlispach Jaeger, Leiterin Kommunikation der Universität St. Gallen, hat die Veranstaltung organisiert.

Massgeschneidert

Die St. Galler haben das Konzept nicht einfach der Uni Tübingen abgeguckt, die als erste eurpäische Universität ihre Hörsäle für Kinder öffnete: «Wir haben ein massgeschneidertes Konzept für die HSG», sagt Gomez.

Also keine philosophischen Fragen zum Sinn des Lebens, sondern Wirtschaft und Recht, die an der HSG gelehrt werden. Die Kinder-Uni soll institutionalisiert werden. Sie sei kein Abstimmungs-Gag, um den Um- und Neubau der HSG durchzubringen, versichert Gomez.

Riskant

Die Kinder-Uni ist gratis: Die HSG finanziert sie aus eigenen Ressourcen, die Professoren arbeiten ohne Honorar - obwohl er noch nie derart hart geschuftet habe für eine Vorlesung, gesteht Jaeger: «Wir müssen eine abstrakte Botschaft in die Welt der Kinder hineintragen, das ist riskant, das kann auch schief gehen.»

Es geht nichts schief, ganz im Gegenteil: Die Kinder schlucken die «neoliberalen Fussangeln» (Gomez) wie «eine Familie/der Staat darf nur so viel ausgeben, wie sie/er einnimmt» ohne Wimpernzucken. Das kennen sie, das haben sie schon mal gehört.

Ohne Handys, ohne Mama

Das Audimax ist proppenvoll: 4.- bis 6.-Klässler sitzen erwartungsvoll in dem Riesenhörsaal. «Meine Mutter hat mich angemeldet», sagt eine Elfjährige. «Mein Onkel ist Student», begründet ein Knabe sein Interesse an der Uni.

Dann schalten alle brav ihre Handys aus, Papa winkt seinem Sohn zum letzten Mal, Mama geht mit besorgtem Blick hinaus, Grosspapa folgt zögernd. Erwachsene haben jetzt hier nichts mehr zu suchen.

Vom Taschengeld

In der dritten Lektion der Vorlesungsreihe gibts ein Quiz: «Wer den Test besteht, erhält eine Urkunde», kündigt Jaeger an. Und dann spricht er zum Thema «Woher kommt das Geld?» - angefangen beim Taschengeld hangelt er sich, immer mit spannenden Fragen, ohne Durchhänger von Höhepunkt zu Höhepunkt.

Die Kinder lauschen absolut gefesselt. Als ein Goldesel auf der Leinwand erscheint, kichern sie: «Den Goldesel aus dem Märchen gibt es nicht»: Jaegers erste Lektion zum Thema Geld.

Die 650 Kinder folgen gespannt. Die HSG hat die Nase vorn bei der Kinder-Uni. Werbung ist das nicht; braucht es nicht: «Wir haben genug Studenten», sagte Gomez. 5000 sind es in diesem Wintersemester.

(sda)

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