Inferno im Reisecar: Erste Opfer werden identifiziert
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Inferno im ReisecarErste Opfer werden identifiziert

Einen Tag nach dem schweren Busunglück mit 20 Toten auf der Autobahn 2 bei Hannover haben Gerichtsmediziner mit der Identifizierung der Opfer begonnen.

Nach Angaben der Polizei wurde der völlig ausgebrannte Bus in den frühen Morgenstunden des Mittwochs zusammen mit den Toten zu den Untersuchungen an einen abgeschirmten Ort geschleppt. Bei dem Feuer am Dienstagabend waren die Opfer grösstenteils noch in ihren Bussitzen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Neben den 20 Toten gab es nach Polizeiangaben noch zwölf zum Teil schwer Verletzte.

Der überwiegend mit alten Menschen besetzte Bus war auf der Rückfahrt von einer Kaffeefahrt ins Münsterland. Er verunglückte am Dienstagabend auf der Autobahn kurz vor der geplanten Ankunft in Hannover. Auslöser war nach ersten Ermittlungen eine Zigarette, die ein Fahrgast heimlich auf der Bustoilette geraucht hatte.

Die Identifizierung der Toten gestalte sich schwierig und sei längst noch nicht abgeschlossen, sagte eine Polizeisprecherin am Mittwochmorgen. An der Untersuchung des Busses seien neben Rechtsmedizinern auch Beamte der Spurensicherung und Brandspezialisten beteiligt. Polizei und Ermittlungsbehörden kündigten für 11.00 Uhr in Hannover eine Pressekonferenz an.

Keine Chemietoilette

Der Juniorchef des Busunternehmens Mommeyer aus Hannover, Oliver Prehn, sagte, er könne sich den Unfall nur so erklären, dass eine Person auf der Toilette geraucht habe und dabei eingeschlafen sei. In der Folge sei vermutlich ein Schwelbrand in der Toilette entstanden. Dabei hätten sich dann wohl Rauchgase angesammelt und beim Öffnen der Klotür explosionsartig entzündet. Prehn wies darauf hin, dass es sich um eine normale Wassertoilette handelte und nicht etwa ein defektes Chemieklo mit möglichen anderen Brandursachen.

Polizeisprecher Stefan Wittke sagte der Nachrichtenagentur AP, nach Augenzeugenberichten sei aus der Bordtoilette Qualm gekommen, nachdem sich ein Fahrgast dort aufgehalten habe. Die Tür sei geöffnet worden, und es habe eine explosionsartige Stichflamme gegeben. Das Feuer habe sich sehr schnell im gesamten Bus ausgebreitet. So sei auch die hohe Zahl der Toten zu erklären. Der Fahrer sei zwar direkt auf den Seitenstreifen gefahren, sagte ein Sprecher des Lagezentrums im niedersächsischen Innenministerium, aber: «Die Leute sind wohl nicht schnell genug rausgekommen.»

Der Bus war nach Angaben der Busfirma mit 39 vor allem älteren, darunter auch stark gehbehinderten Fahrgästen und dem Fahrer besetzt, der Polizeisprecher sprach von 33 Insassen. Uwe Prehn, der Ehemann der Firmeneigentümerin. «Es handelt sich um einen Bus vom Typ Mercedes-Benz 350, etwa vier Jahre alt und völlig in Ordnung», sagte er der AP. Die Reisegruppe sei zu einem Tagesbesuch auf einem Bauernhof bei Haltern gewesen.

Polizei glaubt nicht an technischen Defekt

Ein technischer Defekt des Unglücks könne «eher ausgeschlossen werden», sagte Polizeisprecher Wittke. Der Unfall ereignete sich kurz nach 20.30 Uhr zwischen den Anschlussstellen Garbsen und Herrenhausen. Die A2 wurde nach dem Unfall in Fahrtrichtung Berlin voll gesperrt. Von den Verletzten erlitten drei schwerste Brandverletzungen, die übrigen leichte Verletzungen oder Schocks.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee äusserte sich «tief erschüttert» über die Bustragödie. In Berlin forderte er zugleich eine sehr sorgfältige Untersuchung von Ursache und Verlauf des Brandes. «Falls erste Berichte zutreffen, nach denen nur wenige Passagiere wegen des Brandes den Flammen entkommen und den Bus verlassen konnten, muss geprüft werden, ob Sicherheitsbestimmungen eingehalten wurden, und ob diese verschärft werden müssen», sagte Tiefensee.

Es ist das schwerste Busunglück seit 16 Jahren in Deutschland: Am 6. September 1992 waren 20 Menschen beim Unfall eines Reisebusses aus Sachsen nahe dem Autobahndreieck Bad Dürrheim/Villingem ums Leben gekommen. (dapd)

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